Panik aus dem Wasserhahn

Gestern war ich im Zoo, und es war kalt. Warum frieren wir so gerne im Freien, hab ich mich gefragt. Wir haben uns kulturell eine komfortable Errungenschaft nach der anderen abgerungen, können trockene Häuser bauen mit Jacuzzis dran und Backofen drin. Wir können es warm haben, wenn wir wollen. Warum gehen wir freiwillig raus?

Besonders deutlich wurde mir das bei den Erdmännchen. Manche Tiere wie die Tiger oder die Affen haben ein Haus mit Dach und Heizung und Reinigungsservice – und andere wie die Erdmännchen wühlen sich ganz wohl in ihren Erdlöchern, brauchen aber dringend eine Heizlampe zum Wohlfühlen. Andere Tiere klopfen sich Höhlen in Baumstämme oder bauen sich stattliche Unterkünfte aus Wachs, Papier oder Erde. Biber tauchen erstmal ein paar Meter, bevor sie sich in ihre warme, trockene Burg setzen können. Und Schildkröten und Schnecken haben ihr Haus immer mit dabei – praktisch und umständlich zugleich.

Wir leben alle anders. Und doch haben wir alle gewisse Standards für unsere Spezies. Wir mitteleuropäischen Wohlstandsmenschen machen uns in der Regel keine Gedanken über fließendes Wasser im Haus: Hahn auf und das Wasser rauscht durch die Leitungen. Wir waschen damit, unsere Hände auch, machen uns Kaffee und Tee, kochen Nudeln, Kartoffeln und Grünkohl drin, duschen nach schweißtreibender Arbeit und spülen unsere Hinterlassenschaften hinfort damit. Fließend Wasser in der Wohnung ist eine Selbstverständlichkeit.

In Heidelberg brach deshalb letzte Woche eine mittlere Massenpanik aus. In meinem Stadtteil war das Wasser blau verfärbt, die Behörden haben jeden Kontakt mit dem Wasser verboten. Kein Kaffee, kein Tee, kein Nudelwasser. Kein wärmendes Bad nach harter Arbeit im Freien. Kein Händewaschen nach dem Fischausnehmen. Zähneputzen nur trocken, Abwasch muss stehen bleiben. (Es ist ja nicht alles nur negativ).

Das Wassertropfenberührungsverbot bestand zwar nur wenige Stunden, aber die Panik war da. Wasserflaschen in der ganzen Stadt: ausverkauft! Dreckige Hände überall. Die Klamotten schon seit 3 Stunden getragen – widerlich!

Eine Woche vorher schon lag die Katastrophe in der Luft. Bei einem Industriebetrieb kam es zu einer chemischen Reaktion größeren Stils, halb Heidelberg badete in einer Toluol-Wolke. Frischluftzufuhr – verboten! Kein Fenster öffnen, Lüftungsanlagen abschalten!

Zwei massive Störungen unserer Comfort Zone in einer Woche, beide zum Glück nur wenige Stunden lang. Trotzdem Panik. Wir sind es nicht mehr gewohnt, mit Einschränkungen zu leben; ich bin es nicht mehr gewohnt, mit Einschränkungen zu leben. Vielleicht ist diese Selbstverständlichkeit einer geräuschlos funktionierenden Infrastruktur keine wirkliche Selbstverständlichkeit. Vielleicht ist es sogar das Gegenteil davon: ein Wunder an Komfort. Eines, das in der gesamten Fauna nur uns Menschen zuteil wird.

Ich schaue die Erdmännchen an und denke: Wo waschen die eigentlich ihre putzigen Händchen? Und ihren Pelz? Baden sie regelmäßig am Samstagabend, und wie lange kochen sie eigentlich ihre Spaghetti, bis diese bissfest genug sind? Mich friert.

Meine Weltformel / KW5

Anstatt über Utopien zu reden und damit Konferenzen zu füllen, sollten wir vielmehr über Dystropien reden und wie man ihnen begegnen kann, Worst-Case-Szenarien. Warum?

Die menschliche Entwicklung hat Fahrt aufgenommen seitdem wir uns in Gruppen, Horden, Gesellschaften zusammentun. Diese Gruppen streben nicht nach Glück für die große Masse, sondern nach Entwicklung. Innerhalb dieser Masse versuchen stets einzelne sich zu profilieren, auf der Suche nach Geld und Macht.

Das ist nicht gut oder schlecht. Es ist halt so.

Aber dem gilt es wertschätzend Rechnung zu tragen. Und daher ist nicht die Utopie die Lösung, sondern die Lösung der Dystropie.

Das Gute – eine Falle?

Okay, ich bin hoffnungslos naiv. Ich möchte nämlich in einer Welt leben, die Stück für Stück besser wird. In der mir Menschen einen freundlichen „Guten Morgen!“ zunicken. In der mich Kolleginnen und Kollegen als Menschen schätzen und Vorgesetzte hin und wieder loben und sich bedanken. In der Empathie und Wertschätzung ganz nebenbei und unprätentiös eine Selbstverständlichkeit sind, in der es jeden Tag ein bisschen mehr Freundlichkeit, Höflichkeit und Optimismus gibt. Einfach, weil diese zwischenmenschlichen Signale das Leben schöner und sinnvoller machen. Und selbstverständlich ist dies auch eine Forderung an mich, jeden Tag ein bisschen freundlicher und empathischer zu sein anstatt schlecht gelaunt meiner Neigung zum schwäbischen Bruddler nachzugehen.   

Ich möchte jedenfalls nicht in einer Welt leben, in der auf diese kleinen, Hoffnung machenden Gesten verzichtet wird. In einer im schlechten Sinn durchökonomisierten Welt, die diese Gesten für verzichtbar hält. Ich möchte nicht in einer Welt leben, die Stück für Stück schlechter wird.

Das Gute – nur vorgeschoben?

Deswegen mag ich es, wenn Unternehmen ihrerseits solche kleinen Gesten senden. Ich mag es, wenn Vorstandsvorsitzende sich auf die vielzitierte und selten genug ernstgemeinte „Augenhöhe“ mit ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern begeben – und wenn es auch nur einmal im Jahr beim Betriebsfest ist. Wenn man die Vorgesetzten als Menschen wie Du und ich erleben kann. Wenn sie sich nicht zu schade sind, ihren Mitarbeitern ein Bier oder einen Kaffee holen zu gehen, wenn sie hemdsärmelig neben den Produktionsmitarbeitern und den Leuten vom Facility Management auf der Bierbank sitzen, ernstgemeint nach der Familie fragen und mit ein paar wirklich guten, politisch völlig korrekten Witzen, die niemanden diskriminieren, für eine gewisse Heiterkeit auf der Bierbank sorgen. Vorgesetzte, die keinen Dünkel kennen und wissen, dass sie selbst nur deswegen gute Führungskräfte sein können, weil sie ihr Team, ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ernst und wichtig nehmen und für sie da sind. Weil sie eher Coach als Chef sind.

Solche Vorgesetzte gibt es – glücklicherweise. Und ich möchte, dass es noch viel mehr von ihnen gibt.

Das Gute – nur PR?

Am Wochenende durfte ich wieder zwei Tage lang Studierende in die offenen Geheimnisse der Public Relations einführen. Ich glaube zutiefst, dass Public Relations per default die Welt jeden Tag ein bisschen besser machen. Weil das ihre Aufgabe, ihre Mission, ihr Sinn und Zweck ist – aus meiner ziemlich unmaßgeblichen Sicht. Public Relations sind „Öffentlichkeitsarbeit“ und – das sagt der englische Begriff ja überdeutlich – der Aufbau einer tragfähigen Beziehung und die permanente Arbeit an der Vertiefung dieser Beziehung hin zu einer tragfähigen, belastbaren Partnerschaft mit einer sehr, sehr kritischen Partnerin: der „Öffentlichkeit“.  

Und wie gewinnt man das Vertrauen dieser eher skeptischen Öffentlichkeit? Durch kleine Gesten. Durch Offenheit, durch Wertschätzung, auch mal durch hemdsärmelige Geselligkeit. Durch den Versuch, Hierarchien und trennende Unterschiede einzuebnen. Durch Partnerschaftlichkeit: sich nicht dafür zu fein zu sein, anderen mit einer Dienstleistung unter die Arme zu greifen. Durch Offenheit und Transparenz statt durch Zurückhaltung und Bunkermentalität. Und ganz bestimmt durch klugen, feinsinnig-selbstironischen, auf jeden Fall nicht-diskriminierenden Humor.

Das Gute – nur Kalkül?

Einzelne, sehr wenige, aber sehr überzeugte Studierende haben das in der Vergangenheit anders gesehen – und auch an diesem Wochenende wieder. Sie wittern hinter jeder dieser Gesten Kalkül. Wenn der Vorstandsvorsitzende Bier holen geht oder der Belegschaft freundlich-humorvoll ein „Frohes Fest“ wünscht, dann doch wohl nur aus finstersten Beweggründen: Vermutlich will er damit nur die nächste kaltherzige Entlassungswelle einläuten.

So ähnlich argumentieren manche.

Ich habe vor einigen Semestern von dem besonderen Jahresbonus erzählt, mit dem eine Arztpraxis ihren wirklich hart arbeitenden Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern auf ungewöhnliche Weise „Danke!“ sagen wollte: Eine Woche All-inclusive-Urlaub auf Mallorca inklusive Taschengeld für alle und ihre Partnerinnen und Partner. Ein Angebot, das man nicht ablehnen kann, oder? Ein Studierender schon; er vermutete sofort unmenschlichste Motive dahinter: den Versuch, die Mitarbeiter noch weiter ausbeuten zu können, sie nur deswegen zur „Erholung“ in den Zusatz-Urlaub zu schicken, um sie hinterher noch weitaus stärker belasten zu dürfen. Er nannte dieses Geschenk, über das sich Millionen Angestellte sicherlich sehr freuen würden und es als Wertschätzung ihrer Arbeit empfinden würden, mit voller Absicht „inhuman“ und wiederholte diesen Begriff.

Was ging in seinem Kopf vor?   

Hat er den Sinn von Dankbarkeit nicht verstanden? Hat er nie Dankbarkeit verspürt? Hat er nie echtes Entgegenkommen, nie herzliche Geschenke, nie ernstgemeinte Wertschätzung erfahren dürfen? Hat er nur Lug und Trug und Ausbeutung und seelischen Missbrauch erlebt?

https://www.youtube.com/embed/fjambyURlak

Welche Welt wollen wir?

In fast allen Fällen, in denen ich tolle CSR-Kampagnen großer Firmen vorstelle, gibt es einige, die in ihnen ausschließlich egoistische Ziele ausgemacht haben wollen: „Die wollen doch nur einen Vorsprung vor den Mitbewerbern. Die wollen doch nur verkaufen!“

Klar wollen sie das. Und das ist nicht nur legal und legitim, es ist in unserer Welt leider notwendig. Wie sie es tun, macht hingegen einen gewaltigen Unterschied. Diese gescholtenen Unternehmen könnten ihre CSR-Anstrengungen ja auch einfach bleiben lassen: Warum sollen sich Dove und Always und Nike dafür schimpfen lassen, dass sie gemeinschaftlich versuchen, das Selbstbild und das Selbstbewusstsein von Frauen überall auf der Welt zu verbessern und zu steigern? Andere tun es nicht – viele, viele andere tun es nicht, ja, die allermeisten anderen Unternehmen tun es leider nicht. Und die UNO tut es nicht hinreichend, und die EU nicht, die FIFA nicht und Greenpeace auch nicht. Aber über die, die die Welt zum Positiven verändern wollen, wird Kritik ausgekübelt. Na, vielen Dank auch.

Mir platzt in diesen Situationen immer ein wenig kalkuliert der Kragen.

Die Guten – die eigentlich Schlimmen?

Das viel zu wenige Gute, das in diese Welt gebracht werden soll, wird von manchen sehr argwöhnisch beäugt: Es könnte ja eine Falle sein. Oder nur dem Ego-Trip der Aktiven dienen. Oder „nur“ eine abgekartete Sache zum Geld verdienen sein. Während die, die nichts Positives beitragen, die weiterhin im Stillen und Verborgenen ihre fragwürdigen Geschäfte machen und sich einen feuchten Kehricht um eine bessere Welt scheren – über die spricht niemand, sie sind fein raus.

Oder sollen wir es lassen?

Wäre es also angebrachter, wenn niemand mehr versuchen würde, die Welt besser zu machen? Wäre es für das skeptizistische Weltbild mancher Menschen angemessener, keine Women-Empowerment-Kampagnen zu starten? Und keine Wie-erziehen-wir-unsere-Jungs-zu-besseren-Männern-Kampagnen? Wäre es besser, Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern keine Weihnachtsgrüße zu senden und ihnen auf gar keinen Fall einen Sonderurlaub mit Partner auf Mallorca zu schenken? Kein warmer Händedruck, weil: Kommt eh nicht von Herzen!? Kein Lob, weil: Es ist eh nicht ernst gemeint und soll nur die nächste Unverschämtheit einleiten?!?

Oder wollen wir diese Gesten haben? Wollen wir eine kalte Welt oder eine warmherzigere?

Ich möchte gerne die warme Variante, falls möglich. Bitte. Aber – was weiß ich schon von der Welt…

Theater, Theater / KW4

In meiner Kindheit und Jugend habe ich dem Theater und der Kultur gefrönt. Will sagen: meine Eltern haben dann doch Wert darauf gelegt, dass kulturelle Bildung nicht völlig an mir vorbeigeht. Später habe ich dann selber recht viel und gerne Theater gespielt und einmal bei einer viel gelobten Anatevka-Produktion mitgewirkt.

In der darauffolgenden Zeit fehlte entweder das Geld oder die Zeit, um das Kulturelle, jenseits von ein paar Ausstellungsbesuchen, zu huldigen. Als Student fehlte das Geld, denn Oper, Theater und Co. sind teuer – zumindest wenn sie an größeren Häusern stattfinden. Danach fraß „die Karriere“ viel Zeit und danach die Kinder. Die sind nun so groß, dass sich Oma und Opa auch mal drum kümmern können und so nimmt das kulturelle Leben langsam wieder Fahrt auf. Will sagen: der ein- oder andere Theaterbesuch ist möglich.

Leider scheint meine Abstinenz dazu geführt zu haben, dass es noch genau zwei Varianten von Inszenierungen gibt.

  1. Die naturalistische Inszenierung. Sie findet sich vor allem dort, wo der Schwank daheim ist und es gilt Wirts- und Bauernstuben nachzustellen. Möglichst wirklichkeitsgetreu. Alternativ findet man diese Form der Inszenierung auch bei Musicals die wahlweise das Leben Wolfgang Petrys, Udo Lindenbergs oder Spidermans nachzeichnen. Quasi Kino in Live. Für ein Publikum, dass auf das bewährte Hollywood-Gefühl auch im Theater nicht verzichten möchte.
  2. Die moderne Inszenierung. Verzichtet auf alles, was das Auge des Zuschauers auch nur am Rande ablenken oder erfreuen könnte. Das Bühnenbild ist spärlich bis nicht-existent, die Schauspieler suhlen sich quasi dauerhaft in ihren riesigen Emotionen und bringen das durch Schreien, Brüllen, Quitschen, Johlen und sonstige animalische Ausdrucksmöglichkeiten auch ständig zum… nun ja… Ausdruck. Dabei sind sie meistens nackt, oder teils nackt oder bemalt. Nie tragen sie realistische Kleidung. Die Sprache ist modern. Und modern bedeutet, in der Interpretation vieler Theaterregisseure, wohl vor allem: vulgär. Bei diesen Inszenierungen wird das Publikum gefordert. Theater darf kein Spaß sein. Alles muss in Frage gestellt werden. Alles was Spaß macht muss weggelassen werden.

Gefühlt gibt es zwischen Variante 1, der musical-lischen Volksverdummung und Variante 2, der verdummten Intellektualität ein paar Weniger für ein paar Wenige, nicht viel. Nämlich? Theater mit Anspruch, das aber gleichzeitig Spaß macht. Durch schöne Kostüme, herausragende Bühnenbilder, natürlich agierende Schauspieler und einer zeitgemäßen Inszenierung, die der Tatsache Rechnung trägt, dass es auch heute noch Farben, Formen, Klamotten und Momente gibt, in denen Menschen ihre Emotionen nicht bis ins Letzte nach außen kehren.

„Dann mach´s doch besser“, sagen Sie jetzt!

Mal schauen. Auf jeden Fall habe ich mich daran gemacht und adaptiere geraden einen der – aus meiner Sicht – besten deutschen Filme überhaupt als Theaterstück. Ohne jegliche Erfahrung. Mal sehen was draus wird. Ich halte Sie auf dem Laufenden.

Schönen Tag!

Jute statt Plastik

„Jute statt Plastik“. Stand auf dem Beutel, den meine Blockflötenlehrerin Ute immer dabei hatte, wenn Sie zum Blockflötenunterricht kam. Neben irgendwelchem Krimskrams hatte sie die Blockflötennoten in diesem Beutel. Jedes Mal, und irgendwie erinnere ich mich an sie vor allem deshalb, weil ich mich an diesen lustigen Beutel mit dieser kryptischen Botschaft erinnere. Ich war acht oder neun oder so und hatte keine Ahnung, was „Jute“ ist. Irgendein Stoff wohl. Hanf kannte ich, und Baumwolle. Ich hab mich häufiger gefragt, warum Ute ihre Blockflötennoten nicht in einem Baumwollbeutel zur Flötenstunde brachte. Warum musste es immer dieses Jute sein – ein ähnlich seltsamer Stoff wie Weihrauch und Myrrhe. Etliche Jahre später wurde es mir klar. Ute war auf Urlaub im Grand Canyon, und die Guides dort sprachen ihren Vornamen amerikanisch aus: „Jutee“ hatte einfach ihren Namen auf dem Beutel stehen…

Kinderspiele sind kein Kinderspiel / KW3

Ich habe zwei Kinder, K1 (5) und K2 (3). Und ich bin eine gute Mutter.

Ja, genau. Weil ich habe im klischeebehafteten Rollenbild des letzten Jahrtausends die Rolle eingenommen, die viel zu lange der Mama zugestanden und zugemutet wurde: ich kümmere ich in erster Linie um unsere Kinder, während meine Frau ganztags robotten geht. Manchem ist das einen dümmlichen Spiegel-Artikel wert, ich finde es normal. Nebenher freelance ich, wenn ich dazu Zeit und Lust habe.

Ich schreibe diesen Artikel aber nun nicht aus Eigenlob (das überlasse ich Euch… also mich zu loben), sondern um über die härteste Aufgabe zu sprechen mit der sich Mütter, jedweden Geschlechts, konfrontiert sehen: DEM KINDERSPIEL.

Weder in meine Jugend, noch in meiner Kindheit, noch heute hatte ich irgendeinen Bezug zum Puzzeln oder zu Gesellschaftsspielen. Nun habe ich mindestens ein Kind, das voll darauf abfährt. Daneben lieben die beiden auch das, was ich selber immer geliebt habe. Puppentheater, Tanz und Schauspiel. Kinder-Puppentheater, Kinder-Tanz und Kinder-Schauspiel. Also: Kinder-Puppentheater, Kinder-Tanz und Kinder-Schauspiel von Kindern, meinen, gemacht… nur damit wir uns nicht falsch verstehen!

Gerade die jetzige Jahreszeit – kalt, dunkel, nass, usselig, unschön, nicht für Draußen geeignet – bietet viel Zeit und Raum für Kinderspiele verschiedenster Art. Und ich muss zugeben: ich habe das Spielen verlernt und manchmal habe ich schlicht keinen Bock auf Kinderspiele.

Als Indikator für diese Null-Bock-Phasen dient mein Handy. Ganz ohne App detektiert es die Situationen in denen ich kein guter Spielkamerad bin. Nämlich durch den fast immer gleichen Alarm von K1:

„Papa, jetzt leg doch mal das dumme Handy weg!“.

Recht hat er. Und jedes Recht das zu fordern. Aber Facebook, Welt, Zeit, Spiegel, Instagram und Co. sind doch gerade zu interessant. Egal. K1 darf kein Handy haben, dann fordert er das auch von mir und K2 stimmt mit ein. Wir spielen dann Runde um Runde UNO, Mensch ärgere Dich nicht oder ein Spiel, das sich mein Sohn gerade selber ausgedacht hat. Diese Spiele sind meist völlig ziellos, ohne Sinn, im erwachsenen Sinne, und die Regeln werden immer zu meinen Ungusten ausgelegt.

Wir spielen Puppentheater, das binnen Sekunden zu einer Turnstunde ausartet, ohne das ich rekapitulieren kann wie es genau dazu kam. Wir hören ein Hörspiel und spielen es anschließend detailgetreu nach. Nicht etwa die Details die ich mir behalten habe, nein, die Details der Kinder. Und die haben oft etwas ganz anderes gehört als ich.

Meine Kinder entführen mich jeden Tag in eine magische Welt, die sich mir vor langer Zeit verschlossen hat. Oft wehre ich mich dagegen, weil mich das „Erwachsenen-Zeugs“ einfach befriedigt und weniger von mir fordert als mich auf das Spiel meiner Kinder einzulassen. Aber ich lasse es ebenso gerne geschehen und darf dann ein bisschen Teil dieser magischen Kinderwelt werden. Kind werde ich nicht mehr, dass will ich auch gar nicht. Ich bin froh, dass ich nie wieder zur Schule gehen- nie wieder mit irgendwelchen Vollhonks um Dinge buhlen muss, die eigentlich egal sind. Es ist auch nicht meine Aufgabe wieder Kind zu werden. Kindische Eltern können, aus meiner Sicht, ihre Kinder nur unzureichend auf dem Weg ins Erwachsensein begleiten. Und diesen Weg gehen die Kinder. Kompromisslos, weil sie es wollen. Ich möchte aber das „Erwachsenen-Zeugs“ zunehmend oft beiseite legen und in die magische Welt meiner Kinder abtauchen, ihnen dort begegnen. Denn ich weiß, dass sie diese Welt schneller verlassen werden als mir lieb ist!

Selbstfahrungsgruppe

Sitze mal wieder im Zug. Neuer Doppelstock-IC, der aussieht wie ein RegionalExpress, im Gegensatz zu den rotlackierten Nahverkehrszügen aber momentan eine technische Störung am Triebfahrzeug hat. Technik, die begeistert.

Letzte Woche bin ich mit einem „klassischen“ IC von Frankfurt nach Heidelberg gefahren. Der Zug steht fahrplanmäßig schon rund eine Stunde vor Abfahrt am Gleis und kann also nach menschlichem Ermessen keine Verspätung haben. Nach Bahn-Logik aber schon: Das Zugpersonal hatte sich verspätet und wir standen abfahrtbereit, aber ohne Lokführer im Hauptbahnhof. 10 Minuten, 15 Minuten – tja, der menschliche Faktor macht aus s.t. schnell ein c.t.

Dabei frage ich mich: Benötigen wir eigentlich zwingend einen Lokführer? Ich meine, bevor wir das autonome Fahren auf der Straße erforschen, könnten wir doch Erfahrungen mit dem quasi-autonomen Reisen auf der Schiene sammeln? Das ist doch viel einfacher, würde ich technischer Laie sagen: Verfahren kann man sich nicht, Gegenverkehr gibt es (in der Regel) keinen, die Signalanlagen steuern den Schienenverkehr evtl. auch digital – wo ist das Problem? Mein Auto erkennt die allermeisten Verkehrsschilder bereits mit einer erstaunlichen Präzision, bei der Bahn dürfte dies noch präziser funktionieren.

In Nürnberg, wo ich derzeit arbeite, fahren manche U-Bahnlinien bereits autonom. Oder „fahrerlos“, wie es hier heißt. Was soll auch groß schiefgehen? Die Schienen halten die Züge in der Spur, ein Radar prüft, ob der Weg frei ist, die Weichen werden automatisch gestellt, und in der Station hält die Bahn an einem definierten Punkt, öffnet die Türen und schließt sie wieder, wenn niemand in der Lichtschranke steht.

Autonom fahrende Züge. Das hätte was. Eventuell wären individuelle kleine Waggons möglich, die über einen eigenen Antrieb verfügen und überallhin fahren könnten. Und überall halten, ohne die durchfahrenden Züge zu behindern – in vielen Bahnhöfen gibt es ja mehr als ein Richtungsgleis. Da könnte man schön ein- und aussteigen, und wenn man seine Fahrt vorher plant – was man ja meist macht -, bestellt man sich seinen individuellen Mini-Waggon an den nächstgelegenen Bahnhof, fast wie ein Taxi auf Schienen.

Unser Lokführer hat den Fehler behoben, und wir fahren endlich. Okay, gegen technische Defekte sind autonome Waggons selbstredend nicht gefeit. Aber gegen verspätetes Bahnpersonal schon. Und verpasste Anschlusszüge. Oder überhaupt häufiges Umsteigen. Schienengebundener Individualverkehr als erste Phase des autonomen Fahrens.

Ich vermute aber, dass die selbstfahrenden Autos schneller kommen werden. Sie haben die richtige Größe für Individualreisende, können überall halten und einen von Haustür zu Haustür bringen. Und wenn man etwas länger braucht, um das Auto für die Urlaubsfahrt zu beladen, dann drängelt kein Fahrplan.

So gesehen ist der autonome Zug wohl eher eine technologische Sackgasse. Aber eine nette Idee wäre es schon – wenn sie auch nur taugt, um dieses Blog hier zu befüllen.

Elisabeth Schwarzhaupt, Vorreiterin der Frauenbewegung

Heute am 7. Januar ist in Frankfurt die kleine Elisabeth zur Welt gekommen. Okay, nicht direkt heute, sondern am 7. Januar 1901. Kaum jemand kennt sie noch, was sehr schade ist. Und kaum jemandem wird ihr Lebenslauf etwas sagen. Denn Elisabeth war eine Frau, die anderen Frauen den Weg in die Politik geebnet hat. Sie hat ihnen als erste die Tür geöffnet, und niemand – kein Mann vor allen Dingen – konnte diese Tür nach ihr wieder zuschlagen. Kein Adenauer, kein Erhard, kein Kiesinger. Elisabeth Schwarzhaupt war die erste Ministerin der Bundesrepublik.

Einzige Frau in der Altherrenriege

Sie begleitet mich seit 2002 – wenn man das über eine tote Frau sagen kann, ohne dass es etwas seltsam klingt. Zu ihrem 100. Geburtstag hat die Hessische Landesregierung eine Biografie über die Frankfurterin verfassen lassen, und so las ich von ihr. Die erste Frau an einem Bonner Kabinettstisch – eine historische Person, keine Frage. Es zirkuliert die Anekdote, dass Konrad Adenauer seine Kabinettsmitglieder mit „Morgen, meine Herren“ begrüßt haben soll. Als Elisabeth Schwarzhaupt daraufhin den Finger hob und auf sich aufmerksam machen wollte, soll Adenauer nur gebrummt haben: „In diesem Kreis sind auch Sie ein Herr!“ Die Zeiten waren andere, damals. Damals konnte man in einem Akt zivilen Ungehorsams noch ein Dokument, sagen wir: korrigieren. In ihrem Bundestagsausweis hat Elisabeth Schwarzhaupt den Satz: „Der Inhaber ist Bundesminister für“ mit einem Kugelschreiber geändert in: „Inhaberin ist Bundesministerin“.

Ja, sie wusste sich durchzusetzen gegen die ganze Männerriege dort in Bonn. Sie arbeitete sich zur ersten stellvertretenden Fraktionsvorsitzenden der Unionsfraktion hoch und erhielt damit das Recht auf den ersten Zugriff auf einen weiblichen Ministerposten. Wie sie sich im einzelnen positionierte, kann man bei Ursula Salentin und Drummer/Zwilling nachlesen – jedenfalls: Sie war ein Vorbild an Emanzipation und erhielt den Ruf ins Bundeskabinett 1961 zu Recht – auch wenn Adenauer sehr griesgrämig mit dieser Tatsache umging…

Vergessene Vorkämpferin

Ich muss dies einfach schreiben heute, muss an Elisabeth Schwarzhaupt erinnern. Weil es ja sonst kaum jemand tut. Die Feministinnen ignorieren sie, weil: falsches Parteibuch. Die SPD ignoriert sie und feiert stattdessen ihre Nachfolgerin im Amt, Käte Strobel. Die Frauen der CDU ignorieren sie, weil sie Quereinsteigerin in die Politik war und vielen wohl zu wenig „Stallgeruch“ hatte, wie einige Kommentatorinnen schrieben (auch wenn das ein selten dämliches Wort ist). Die Umweltgeschichtsschreibung ignoriert die erste de-faco-Umwelt- und Verbraucherschutzministerin ebenfalls zugunsten der Umweltpolitik der sozialliberalen Koalition von 1971. Und die Geschichtsschreibung selbst hat auch nur ein paar literarische Krümel für Elisabeth Schwarzhaupt übrig. Schade und ungerecht, das. Daher nerve ich eben, in dem ich immer wieder auf sie hinweise (auch wenn sie das falsche Parteibuch hatte ;-)).

Wenn Ihr mit mir diese Vorkämpferin der Frauenrechte feiern möchtet: Ich habe hier eine kurze Einführung für die Ausstellung des Historischen Museums Frankfurt geschrieben und hier einen etwas längeren Aufsatz in einem Sammelband des Frankfurter Instituts für Stadtgeschichte (Amazon-Affiliate-Link, kauft reichlich!! :-)).

Herzlichen Glückwunsch also, Ministerin Schwarzhaupt.

Wünsche / KW2

Interessiert Euch, was ich meinen engsten Kontakten wünsche? Hier könnt Ihr es lesen.

Hallo!

2018 ist vorbei, 2019 beginnt. Im Trubel der Weihnachtstage und den zahllosen Neujahrswünschen danach vergisst man manchmal wirklich inne zu halten, um sich ehrlich zu fragen „Wie geht es mir?“ und „Was wünsche ich mir wirklich für die kommende Zeit?“. So geht es mir zumindest.

Wenn ich mir die beiden Fragen stelle, dann kann ich sagen: „Mir geht es gut und ich wünsche mir, dass es so weiter geht!“. Doch… einen Wunsch habe ich: manchmal noch etwas demütiger sein, inne zu halten, um zu sehen wie gut es mir und meiner Familie geht und in welchem Luxus wir eigentlich leben. Mehr geht immer, muss aber nicht sein.

Ich wünsche Dir für 2019, dass Du von Dir auch sagen kannst „Mir geht es gut!“. Wenn dem nicht so ist, dann wünsche ich Dir, dass die kommende Zeit die Veränderung bringt um es sagen zu können.

Hau rein, mach’s gut, lass es Dir gut gehen. Schön, dass wir uns kennen!

Bis bald

Christoph

Die Ästhetik des Hässlichen

Ich mag Physik, aber ich habe keine Ahnung davon. Dass beides einträchtig zusammengeht, ist eine der großen Paradoxien meines noch so jungen Lebens. Ich mag Physik als Beitrag zur Philosophie: Wer sind wir, und wenn ja, warum eigentlich? Was hält das Innerste zusammen und warum expandiert doch alles? Warum begann alles mit einer Inflation, was ist Raum, was ist Zeit, und was zum Teufel sollen aufgerollte Extradimensionen sein?

Ich habe viel populärwissenschaftliches Zeugs gelesen, QED von Richard Feynman, Brian Greenes Elegantes Universum und Der Stoff, aus dem der Kosmos ist, Steven Weinberg, Lisa Randall, Stephon Alexanders The Jazz of Physics und natürlich ein bisschen Hawking und Einstein und Sekundärliteratur über sie. Verstanden habe ich viel zu wenig. Aber die Faszination bleibt. Für mich bietet Physik ein wirklich attraktives Narrativ: Warum ist unsere Welt so, wie sie ist? Und was bedeutet das für uns?

Mathe auf Vorrat

Großartige Erzählungen sind das: Winzigste Strings sollen unsere Welt zum Klingen bringen in wunderbaren Harmonien, Quanten fluktuieren und können eventuell in der Zeit rückwärts reisen, miteinander verschränkte Photonen können ihren Spin durch „geisterhafte Fernwirkung“ schneller als Licht mitteilen, und überhaupt dieses seltsame Speed Limit für das Licht… Und alles das in wohldurchdachten mathematischen Formeln bewiesen – oder zumindest mathematisch vorbereitet für den Fall, dass vieles von dem, was heute immer noch kein Mensch gesehen hat, irgendwann einmal vielleicht tatsächlich doch einmal beobachtet wird.

Wenn man ohnehin keine Ahnung von den Diskussionen und mathematischen Grundlagen hat wie ich und damit noch weniger als ein Laie ist, steht man ehrfurchtsvoll vor dem Bücherregal und sagt sich: Wow, was Menschen alles ausrechnen können, wenn Sie in der Schule aufgepasst haben und was Vernünftiges studiert haben – Respekt! Ich hab in der Schule freche Antworten gegeben und beim Nachbarn abgeschrieben – kein Wunder, dass ich heute nicht in einem hübschen Forscherbüro an der kalifornischen Pazifikküste sitze und mit dem Nature-Verlag über das Honorar für meine nächste bahnbrechende Publikation verhandle, sondern mich als schwäbelnder Freelancer ohne nennenswerte Expertise verdinge – heute hier, morgen dort.

Nach unten geschlittert

Als Teenie mochte ich Physik. Was ich nicht mochte, und was mir dann schlagartig und nachhaltig die Freude an dem Fach genommen hat, war eine Aufgabe, die schlicht und ergreifend blödsinnig war. Wir sollten ausrechnen, mit welcher Geschwindigkeit ein Skifahrer unten in Chamonix ankommt, wenn er zwölf Kilometer zuvor oben auf der Spitze des Mont Blanc startet. Wir hatten fast alle Daten: Die Höhe des Mont Blanc und die Tallage Chamonix‘, die Länge der Abfahrt und die durchschnittliche Reibung von Ski auf Schnee.

Nun lernt man ja schon ganz früh in der Grundschule, dass man bei Berechnungen kurz prüfen sollte, ob das Ergebnis auch plausibel sein kann. Also, wenn ich 5 Äpfel habe und vier davon esse, dürfte der Obstkorb hinterher nicht voller sein als vorher.

Ich habe auch bei dem Skifahrer diese simple Plausibilitätsprüfung vorgenommen: Wie schnell kann man werden, wenn man Ski fährt? 100 km/h? 150 km/h? Wie schnell wird man im freien Fall? Wikipedia (was wir damals nicht nicht zu Rate ziehen konnten, leider) sagt, ein Fallschirmspringer rast, bevor er den Fallschirm öffnet, mit maximal 500 km/h auf die Erde zu. Das ist für mich, der immer nur Kleinwagen fährt, bereits unappetitlich schnell. Unser Skifahrer sollte noch schneller werden: 800 km/h… Sehr plausibel, wie ich damals fand. Nicht.

Natürlich hatten wir weder den Luftwiderstand berechnet (das hätten wir gar nicht gekonnt, weil das viel zu komplex ist) noch musste der Skifahrer auf seiner kurvenreichen Fahrt von 12 Kilometern runter nach Chamonix irgendwo bremsen. So unrealistisch fährt nicht mal James Bond Ski. Aber Unterstufen-Physikern geht das Herz auf bei dieser Berechnung der Hangabtriebskraft – und die, die eine „1“ geschrieben hatten, haben stumpf die mathematische Formel ausgefüllt, ohne die Sinnhaftigkeit, die Plausibilität zu hinterfragen. Mathematik versus Nachdenken – seitdem mag ich Physiker nicht mehr. Erscheinen mir in ihrem Denken dogmatisch, formelversessen und realitätsverweigernd.

Alles scheint möglich. Tja…

Das ist auch der Grund, warum ich all diese Dinge wie Stringtheorie oder Supersymmetrie zwar faszinierend finde, sich aber keine rechte Überzeugung einstellen will, der Groschen bei mir nicht fällt: Die Physiker berechnen Teilchen-Möglichkeiten, die noch niemand gesehen hat (und auch der LHC nicht), und sagen ihre unhinterfragbare Existenz voraus, weil es eine mögliche mathematische Lösung einer Gleichung ist? Also, alles, was mathematisch darstellbar ist, existiert demzufolge auch? Hmmm. Der alte Gag mit den vier Personen im Lift, aus dem fünf aussteigen und folglich wieder einer einsteigen muss, damit keiner drin ist – das halten Physiker für real? Multiversen – jetzt mal ehrlich?!

Ich lese gerade Sabine Hossenfelder: Das hässliche Universum. Die Frankfurter Physikerin geht genau diesen Fragen nach: Warum halten Physiker eine Welt für möglich, weil sie mathematisch schön modellierbar ist? Was, wenn sich die Natur um diese Gleichungen nicht schert? Warum findet die Experimentalphysik seit Jahrzehnten diese vorhergesagten, „voll supersymmetrischen Teilchen, ey“, nicht?

Ich bin noch nicht durch mit dem Buch. Aber irgendwie macht es „klick“ bei mir. Ich halte Euch auf dem Laufenden… 🙂