Die zweite Welle

In meinem Bundesland enden die Sommerferien in der nächsten Woche. In allen Bundesländern endet der Sommer in den kommenden 8 Wochen. Dann beginnt sie wieder, die Husten,- Schnupfen- und Heiserkeits-Zeit.

Dann wird sie rollen. Die zweite Welle. Corona Welle? Keine Ahnung! Auf jeden Fall aber die zweite Welle der Verunsicherung.

Am Frühstückstisch werden Eltern die Rotznase ihrer Kinder diskutieren. Kindergarten-kompatibel? Ja? Nein? Muss?!
Kindergartenpersonal wird die Betreuung des Einzelnen gegen das Wohl der Gruppe abwägen. Grundschullehrerinnen werden zu Corona-Detektorinnen. Arbeitgeber wägen wirtschaftliche Interessen gegen das betriebsinterne Allgemeinwohl ab.

Bundestrainer sind wir schon alle. Dazu werden wir alle nun noch Diagnostiker.

Anders als bei der ersten Verunsicherungswelle ist das Gefühl des Abenteuers vorbei. Wir alle sind uns der gesundheitlichen und wirtschaftlichen Gefahren bewusst – oder negieren sie als falsch, von Aliens gesteuert, oder was auch immer.
Egal wie wir zu Maskenpflicht und Co. stehen, wir sind verunsichert, weil wir den gegensätzlichen Standpunkt zu unserem Standpunkt nicht nachvollziehen können.

Diese Unsicherheit kann vieles schaffen: etwa Aggression, die heute schon bei gut besuchten Demonstrationen zu beobachten ist. Aggression die bei den Gegenstandpunktlern Aggression auslöst. Ein Teufelskreis.

Was können wir tun?

Die erste Welle war dominiert von einem Begriff: Solidarität. Auf den ersten Blick super. Problem: Solidarisch kann man mit allem und jedem sein. Mit Alten, Schwachen und Kranken, mit Rocker-Gangs, Impfgegnern, Maskenhassern und veganen Köchen. Jeder ist solidarisch, irgendwie. Und wenn es mit der lokalen, geheimen Vereinigung der Satanisten ist.
Solidarität hilft nicht weiter, denn sie ist kein Zeichen für gesellschaftliche Kohäsion.

Welchen Begriff schlägst Du also vor, Christoph? Wie schaffen wir soziale Verbindungen?

Mein Vorschlag: Nächstenliebe. Irgenwie veraltet, oder?!

Wikipedia definiert sie so:
„Als Nächstenliebe wird ein helfendes Handeln für andere Menschen bezeichnet. „Liebe“ beinhaltet hier jede dem Wohl des Mitmenschen zugewandte aktive, uneigennützige Gefühls-, Willens- und Tathandlung, nicht unbedingt eine emotionale Sympathie.“

Wer Nächstenliebe betreibt denkt nicht (nur) an sich, sondern fühlt sich ebenso in das Wohl seiner Mitmenschen ein. Er fragt sich was anderen gut tun und helfen würde. Dabei bedeutet Nächstenliebe (zum Glück!!!) nicht, jeden und alles lieben zu müssen. Geht ja auch gar nicht. Wer will das schön.
Das bedeutet: man darf manch andere Menschen weiter doof finden, sich gleichzeitig jedoch fragen was meiner Umgebung gut tut – auch wenn ich vielleicht eine andere Meinung vertrete.

Das wird nicht leicht. Nächstenliebe zu praktizieren heißt nämlich auch den eigenen Egoismus zu hinterfragen und zu reflektieren. Und, anderes als bei der Solidarität, kann ich mir meine Nächsten nicht aussuchen. Sie versammeln sich einfach um mich und ich mich um sie. Bedingt durch meinen Wohnort, meine Arbeitsstätte, meine Familie, …

Solidarisch sein ist simpel: irgendwo auf der Welt finde ich schon eine Handvoll Menschen die genauso denken, fühlen und handeln wie ich. Mit den erkläre ich mich dann solidarisch. Zack, fertig, fühlt sich gut an.
Nächstenliebe muss praktiziert werden, auch gegen eigene inner Widerstände.

Lohnt es sich? Sicher. Denn Nächstenliebe wird uns nicht vor Viren schützen, jedoch vor der nächsten Verunsicherungswelle.

Wem das alles zu kompliziert ist, hier ein Tipp: stellt Euch ein Bild Eures Lieblingsaltenmenschen auf und fragt Euch ganz einfach: möchte ich, dass die Menschen rund um diesen Menschen nach den Regeln der Nächstenliebe agieren oder soll ihnen alles scheiß egal sein?

Wie geht es Dir? Wirklich!

Einem Bekannten von mir geht es in letzter Zeit nicht so gut. Er steckt in einer Krise. Das ist nicht schlimm, denn niemand von uns geht krisenlos durchs Leben. Kritisch werden Krisen erst wenn sie unbearbeitet bleiben oder man hilflos versucht alles alleine lösen zu wollen. Dann geschieht das, was oft als in sich hineinfressen bezeichnet wird. Wobei dieses Hineinfressen eigentlich kein Hineinfressen-, sondern vielmehr ein nicht rauslassen ist. Denn drin ist es ja schon. Die Lösung liegt, wie so oft, im Teilen.

Wir reden viel miteinander. So wie er mir schon durch viele miese Lebenslagen geholfen hat unterstütze ich ihn auch so gut es geht. In solchen freundschaftlichen Kontakten begreife ich oft den Unterschied zwischen Helfen und Begleiten. Helfen kann ich Menschen ganz praktisch.

„Hey, Christoph, hast Du einen Rasenmäher den ich mir mal ausleihen kann?“ – „Klar.“ Zack, geholfen.

„Kannst Du mir nachher, wenn Du einkaufen gehst, zehn Brötchen mitbringen?“ – „Mach ich!“ Geholfen.

„Ihr Bein ist gebrochen, ich werde es jetzt eingipsen.“ – Geholfen.

Wenn es immer so einfach wäre…

Ich kann meinem Bekannten nicht helfen. Denn seine Krise findet in seiner Wirklichkeit statt, in seinem Leben, lösen seine Gefühle aus. Es gibt keine Tätigkeit die ich ausführen kann und … ZACK … alles ist wieder gut, bzw. so wie er es gerne hätte. Krisen sind Prozesse. Prozesse brauchen Begleitung.

Und Begleitung bedeutet da zu sein, Situationen mit auszuhalten, dabei zu bleiben, auch wenn es schwer ist. Manchmal ist es sogar nervig, redundant, nicht nachvollziehbar, doof oder wütend-machend. Begleiten bedeutet zu signalisieren: Ich bin da und ich gehe auch nicht weg! Nicht ohne wenn und aber. Denn Begleiten bedeutet nicht still mitzuleiden.
Ein guter Begleiter ist eine Reflexionshelfer.

Deshalb habe ich meinem Bekannten letztens folgende Frage gestellt:
„Auf einer Skala von eins bis 10, wobei die 1 absolute Vollscheiße bedeutet und die 10 das Paradies, wo siehst Du Dich gerade?“

Anmerkung: Für Psychologen, systemisch geschulte Trainer und Coaches mag das Folgende trivial bis langweilig erscheinen. Ist es aber nicht. Beziehungsweise nur, wenn man nicht gewillt ist von seinem hohen Ross zu steigen und anzuerkennen, dass die Beschäftigung mit dem eigenen Empfinden für die meisten Menschen im Alltag keine Rolle spielt. Warum? Weil sie es nie lernen durften.

Seine Antwort: „5.“

Aha, puh, also recht weit weg von einem güllegrubenartigem Lebensgefühl.

Meine Frage darauf: „Was kannst Du tun, um bald bei einer 6 zu sein?“

Ich habe auf meine Frage nie eine konkrete Antwort erhalten, wohl aber diese Nachricht: „Danke für die Frage.“

Was macht eine solche Frage mit uns? Warum kann sie wertvoll und hilfreich sein? Weil sie uns hilft Dinge zu sortieren, zu hinterfragen und aus dem großen Wust an gefühlten Problemen einige Dinge herauszufischen. Plötzlich konfrontieren wir uns mit einer klar abgegrenzten Fragestellung, nämlich der Frage, was wir jetzt tun können, für uns, damit es uns etwas besser geht. Nicht perfekt, nicht super, vielleicht noch nicht einmal gut… aber: etwas besser. Eine solche Fragen zeigt Perspektiven auf, auch wenn gerade gefühlt keine Perspektive besteht.
Fragen machen einen Freund zum Begleiter. Fragen sind das Gegenteil von Ratschlägen, die immer aus der eigenen Wirklichkeit auf die Wirklichkeit des Gegenübers gestülpt werden. Und wer möchte schon etwas übergestülpt bekommen…? Genau.

Gleichzeitig kann man sich mit Fragen auch selber unterstützen. Wer sich heute Abend fragt: „Wie geht es mir heute und wie kann ich morgen ein bisschen glücklicher werden“, der ist auf dem besten Wege etwas Gutes für sich zu tun.

Ich wünsche Euch viel Erfolg und Spaß beim Begleiten von Euch und anderen. Seid einfach da. Mehr brauchen die Menschen um Euch herum eigentlich gar nicht.

16 Hektar Nichts ums Haus

Da sind wir. Im Urlaub. Wie so viele in diesem Jahr nicht allzu weit weg von zuhause – Urlaub in Deutschland. Für uns als Flugmuffel nichts neues, wir verreisen schon seit Jahren ausschließlich innerdeutsch. Neu ist allerdings das Ziel: statt der bisher sommer-obligatorischen Nordseeinsel sind wir auf einem Bauernhof, irgendwo im Südwesten.

Hier gibt es nichts. So war es geplant. Denn im Nichts können sich Viren und anti-virale-Maßnahmen der einzelnen Regierungen nur schlecht ausbreiten. Und tatsächlich: auf unserem Hof spielen Schutzmaßnahmen, Masken und Co. seit Monaten mal wieder keine Rolle. Abstand wahrt man hier sowieso. Aus Mentalitätsgründen und weil genug Platz da ist.

Das Leben ist kein Ponyhof. Ätzender Spruch. Unseres ist es aber zur Zeit und es zeigt mir, was es bedeutet den Ponyhof in sein Leben zu lassen. Nein, es ist keine Entspannung, Dauer-Zufriedenheit oder dümmliche Immenhof-Romantik. Es ist Abstand, Natur, Einfachheit, Platz und Raum für Ideen.
Wir leben auch daheim sehr großzügig und privilegiert. Hier aber herrscht der schiere Überfluss an Raum. Raum, der stark frequentiert wird – von Pferden, Kühen, Hunden, Mäusen und Katzen. Nicht von Autos oder Menschen die hier nicht hin wollen. Jeder der hier ist will es auch sein. Alle anderen fehlen.
Das unterscheidet den Ponyhof von anderen Orten. Dort finden sich stets Menschen, die sich dort eigentlich nicht befinden möchten. Sie möchten woanders sein und verströmen dadurch eine ablehnende Haltung.
Ich schließe mich da nicht aus. Beim Edeka anne Kasse bin ich selten die beste Variante von mir.

Hier ist man, weil man hier sein möchte. Hier steht man sich selber nicht im Wege. Hier ist man auf sich zurück geworfen, weil man keine Ablenkung erfährt.
Hier gibt es kein Spielzeug und trotzdem spielen die Kinder 12 Stunden am Tag, pausenlos. Sie sind entgrenzt, weil auch ich Grenzen fallen lassen kann.
Es stinkt nach Scheiße, Fliegen schwirren, Schwalben bekacken uns, Kälber beschlabbern uns und hier macht die abendliche Dusche wirklich großen Sinn.

Ich empfinde es als Segen hier sein zu dürfen. Mit meiner Familie, inmitten dieser Weite. Ich freue mich, nicht immer hier wohnen zu müssen.
Gleichzeitig denke ich, dass ein solcher Ort vielen Menschen fehlt. Ein Ort voller Nichts, ein Ort voller Natur, ein Ort ohne Ablenkungen. Ein Ort der lehrt, dass es mehr gibt als Alles.

Das Leben ist kein Ponyhof, erst recht nicht für Ponyhof-Betreiber. Aber jeder sollte ein Stück Ponyhof im Herzen tragen können. Dafür muss man ihn erstmal kennengelernt haben dürfen.

#laufanfänger

1981 bis Juni 2019: Ich finde Menschen die laufen, joggen oder waldlaufen gehen doof.

Juni 2019: Ok, dann versuche ich es. Dieses eine Mal, ich werde mir beweisen, dass Laufen wirklich so doof ist wie ich es glaube zu wissen. Ich ziehe meine Alltags-Sneaker an und laufe los.
Ziel: so weit laufen wie ich es schaffe, ohne mich dabei ausgepowert zu fühlen. Nach 2,98 km ist Schluss. Ich habe für diese Strecke knappe 25 Minuten gebraucht und fühle mich furchtbar.
Bestätigung? Eine zweite Chance geben ich jedem und allem. Ich laufe also einige Tage später nochmal los, in der festen Absicht, dass dies das letzte Mal sein wird. Der Lauf verläuft ähnlich wie der Erste. Unterschied: ich fühle mich danach besser, es hat mir irgendwie Spaß gemacht.

Seit ich begonnen habe zu laufen habe ich zahlreiche Nachrichten erhalten. Nachrichten von Leuten aus meinem näheren oder weiteren Umfeld, die mir schreiben, dass sie auch gerne die Disziplin, die Zeit oder den Durchhaltewillen hätten zu laufen. Sie würden schon lange planen damit zu starten, schaffen es aber nicht.
Daraus entspannen sich stets sehr gute Dialoge und einige dieser Menschen gehen heute, als Ergebnis unserer Gespräche, selber laufen. Großartig und eine Motivation für mich einige Zeilen zu diesem Thema zu verlieren.

Juni 2019 und das weitere Jahr: Tatsächlich, ich beginne regelmäßig zu joggen. Ich spüre, dass es jedes Mal leichter wird, besser, ich fühle mich fitter. Der ganze Mist tritt ein den mir die doofen Laufleute davor jahrelang gepredigt hatten. Verdammt.

Fast erinnert es mich an meine Abneigung gegen alternative Heilmethoden vor vielen Jahren. Um 1998 war ich extrem von Heuschnupfen betroffen und hatte quasi jede Therapie versucht, die der Markt hergab. Helfen tat nichts, außer starken Tabletten. Meine Mutter wies mich auf das damals recht neue Angebot der Akupunktur hin. Das müsse man zwar selber bezahlen, einen Versuch sei es doch aber wert.
Nö. Ist doch völliger Hirnriss, Bullshit. Aber, na gut, ich werde beweisen, dass es völlig dämlicher Hokuspokus ist. Eine Sitzung später war ich annähernd symptomfrei und der Heuschnupfen kam in seiner bisher gewohnten Aggressivität nie wieder zurück.

Muss also was dran sein an den Legenden der Läufer. Doch nicht alle doof.
So lief ich also durch den Sommer 2019 bis im September gar nichts mehr ging. Ich hatte schon vorher gemerkt, dass meine Hüfte die nun fast täglichen Läufe zunehmend mit Schmerzen quittierte. Als harter Hund lief ich aber gegen den Schmerz an. Dabei bin ich gar kein harter Hund und meine Hüfte auch nicht.
Also, Zwangspause, nach Wochen ohne Linderung sogar mit Kortison.

Wie kann ein Mensch alleine so blöd sein.

Die Pause zeigte mir aber genau was ich will. Ich will keinen Marathon laufen. Vielleicht irgendwann mal die Strecke von gut 42 km, ja. Ich werde aber nie Geld dafür bezahlen, um mit 10.000 anderen „Individualisten“ durch Berlin, Rom, New York oder Klein-Ostheim zu laufen. Laufen ist Freiheit und die gebe ich für das Erlebnis einer Großveranstaltung nicht auf. Ich suche keine Medaillen und keine Urkunden, dafür finde ich Anspannung, Entspannung und einen sehr freien Kopf.

Die erste Kilometer tun immer weh – da kann man sich dehnen wie man will (was ich nie tue). Denn während dieser ersten Kilometer ist der Kopf noch an, plant die Strecke, die Zeit danach, durchdenkt den vergangenen Tag oder die Zwist vor einigen Stunden. Nach einigen Kilometer ist dafür keine Energie mehr da. Die Körper wird in einen Urzustand versetzt: (weg)rennen. Es gibt keine Vergangenheit und keine Zukunft, es gibt Hier und Jetzt. Für alles andere ist kein Platz und keine Zeit. Energie fließt. Nicht im esoterischen Sinne, sondern dahin wo sie gebraucht wird. Wenn ich meine Leistungsgrenze erreiche ist es schon kraftraubend die ausgestreckten Hände zur Faust zu ballen, oder umgekehrt. Die Kopfhaltung zu verändern tut weh, denn eigentlich ist dafür keine Energie mehr da.
Und im Kopf herrscht ganz viel Aufgeräumtheit.

Ja, ähnliches BlaBla fand ich auch fürchterlich bevor ich selber losgelaufen bin!

Aber wie läuft man los?
Ich habe mir meine ersten richtigen Laufschuhe erst nach vielen Monaten des Laufens gekauft. Vorher waren meine 08/15-Turnschuhe meine Begleiter. Selbst als ich schon Strecken über 15 Kilometer gelaufen bin, habe ich auf Laufschuhe verzichtet. Der erste Lauf in Laufschuhen war dann eine Offenbarung, ja. Trotzdem würde ich es wieder genauso machen. Ohne Laufklamotten, ohne spezielle Hilfsmittel. Nur in normalem T-Shirt und Jogginghose.

Denn die Klamotte steigert die Erwartungen an sich selber. Wer gerade 300 Euro für Schuhe, Hose, Shirt und Jacke ausgegeben hat, der muss doch ein Laufwunder sein. Wer investiert hat spekuliert automatisch immer auf einen Return-on-invest.

Deshalb!

Lauf einfach los. Es geht ums Laufen. Nicht um Zeiten, Strecken, Polsterungen, Winddichtigkeiten. Für die ersten 20 Läufe reicht das was schon im Schrank hängt. Es zählt nur ein Ziel: überhaupt Laufen. Du bist nach fünf Minuten schon platt und aus der Puste? Scheiß egal. Geh nach Hause, sei stolz und lauf demnächst wieder los. Denn es gibt eine Garantie: wenn Du läufst, läuft es zwangsläufig immer besser. Ob Du willst oder nicht.
Lauf los und lass es egal sein wie es sich entwickelt. Vielleicht sind auch die ersten zehn Läufe kacke. Egal, denn was zählt ist die Bewegung an sich.

Wir alle wollen toll sein und Dinge mit Einfachheit meistern. Klar. Geht aber nicht – außer bei Instagram.
Loslaufen tut weh, sieht scheiße aus und befriedigt vordergründig so gar nicht. Außer Du hörst Dir nach einem Lauf mal genau selber zu und merkst, dass es geil war das geschafft zu haben was Du gerade geschafft hast.

Also, Schuhe an und los.

Und ich? Ich bin in den letzten Monaten durch etliche Täler gelaufen, wurde langsamer, habe Strecken nicht mehr geschafft, die ich vorher entspannt gemeistert habe. Egal. Weiterlaufen. Und es wurde wieder besser.
Nun ist gerade meine persönliche Heuschnupfenzeit und meine Atmung verkürzt sich, daher walke ich nun regelmäßig.

Walken!? Das machen doch nur alte Damen und dicke Männer – meine Meinung bisher. Und? Das ist völliger Blödsinn. Durch den Zwang walken zu müssen, wenn ich mich überhaupt bewegen will, habe ich etwas entdeckt, das meine Laufaktivitäten perfekt ergänzt. Walken hat Vorteile, die mir so nie bewusst geworden wären.

Was habe ich durch Laufen und Walken gelernt?

Ich werde Dingen eine Chance geben, egal als wie blöd ich sie erstmal bewerte. Das habe ich schon immer versucht. Jetzt habe ich gelernt, dass alles andere sinnlos ist.

Viel Spaß und Erfolg beim Loslegen!


Solidarität: ein Begriff fürs Corona-Bullshit-Bingo

Gruppen funktionieren hierarchisch. Treffen mehr als eine Person zusammen entwickelt sich eine Hierarchie. Ich beschäftige mich seit etwa 2006 mit Gruppen und Gruppendynamiken, habe damit lange mein Geld verdient und bin der validen Überzeugung, dass der Wunsch sich von Rangfolgen loszulösen ehrbar ist, theoretisch denkbar und praktisch genauso umsetzbar wie funktionierender Sozialismus – gar nicht.

Gruppen bestehen aus Menschen und Menschen orientieren sich nach „oben“ – was auch immer das heißen mag. Manchmal aus Gutglauben, oft aus Faulheit. „Sollen die da oben doch eine Lösung für mich finden!

Nach Wochen der Corona-Einschränkungen gilt es nun diese wieder etwas zu lockern. Erste Gerichtsurteile pochen sogar schon darauf. So zu lockern, dass der Virus weiter wenig wüten kann und gleichzeitig wirtschaftliches- und gesellschaftliches Leben wieder möglicher wird.
Und plötzlich ist es vorbei mit der wochenlang beschworenen Solidarität. Plötzlich geht es um mehr als bunte Steine auszulegen und Fensterscheiben zu bemalen. Plötzlich ist es vorbei mit der Einigkeit in der Zeit mit weniger Freiheit.

Stellen Sie sich vor Sie kommen ins Gefängnis. Sie sind ein wirklich schwerer Bursche, habe eine paar Morde, Plünderungen und Brandschatzungen hinter sich. Also kommen Sie in den coolen Trankt, zu den anderen wirklich schweren Jungs. Alle haben coole Tattoos, krasse Muskeln und schicke Feinrippshirts. Sie gehören dazu, sofort. Sie erklären sich solidarisch. Denn Sie sind ja nun gemeinsam isoliert. Sie und alle anderen verbindet, dass sie alle einiges auf dem Kerbholz haben und sie dafür isoliert wurden. Nicht mehr und nicht weniger.
Nach einigen Wochen sieht die Welt schon anders aus. Sie haben jetzt eine kleine Gang von vier anderen Mitgefangenen. Mit den anderen können Sie immer weniger anfangen – mit den Neofaschisten, den Vergewaltigern, denen, die ständig Ausbrüche oder Revolten planen. Sie wollen Ihre Zeit absitzen, möglichst wenig Stress haben und irgendwann wieder rauskommen.

Genau…!

Viel mehr als gemeinsame Isolation und die Aufregung über die Mangelware Klopapier hat uns in den letzten Wochen nicht verbunden. Eine Zeit konnte das darüber hinwegtäuschen, dass Corona für einige von uns bezahlten Urlaub bedeutete oder mehr Zeit mit den Kindern oder vermehrte Langeweile. Für die anderen bedeuten die letzten Wochen Angst vor dem Jobverlust, Panik vor dem wirtschaftlichen Niedergang, Trigger für psychische Erkrankungen oder Gewalt im engsten Umfeld.

Eine Zeit lang konnten wir uns auf den kleinsten gemeinsamen Nenner einigen. Aber eben nur auf den. Selbst ein so starker Virus wie Corona schafft es nicht eine Gesellschaft zu egalisieren und alle zu Freunden zu machen. Das schaffen wir nur selber, oder eben nicht.

Und „die da oben“? Sind auch nur Menschen und geben, nach Wochen der Abgabe der Führungsverantwortung an „die da oben“, ihre Solidarität wieder auf. Nun entscheidet wieder der Wahlkreis was gewünscht wird. Die Ministerpräsidenten überbieten sich darin sich freizuschwimmen, um wieder als Individuum wahrgenommen zu werden.

Plötzlich gibt es wieder viele „die da obens“ und die eigene Solidarität orientiert sich entsprechend der sowieso vorhandenen eigenen Meinung.

Alles wie immer also?

Nein. Durch Corona ist etwas geschehen. Wir haben, für kurze Zeit, gesehen, dass die eigene Meinung wichtig ist und Meinungsfreiheit entscheidend. Das wussten wir auch schon vorher. Aber wir haben gelernt, dass Meinungsfreiheit nicht Handlungsfreiheit bedeutet und es sinnvoll und gut sein kann seine eigenen Antriebe hinten anzustellen. Wir haben gelernt, dass Freizeit auch einfach freie Zeit bedeuten kann, ohne die Dauersuche nach einem tagfüllenden Erlebnis. Wir haben gesehen, dass die Welt ohne Kinos, Restaurants und Spielplätze zwar nicht schöner wird, untergehen tut sie aber auch nicht.

Wir haben unser Handeln solidarisch dem Allgemeinwohl zur Verfügung gestellt und uns so verhalten, dass es einer Sache außerhalb unserer unmittelbaren Bedürfnisse dient.

Ich gehe gestärkt aus den letzten Wochen hinaus. Ich weiß jetzt, dass ich mir selber genüge. Ich weiß jetzt, dass mir Langeweile sogar manchmal fehlt. Ich habe beschlossen mich auch nach Corona mehr zu langweilen. Und ich habe beschlossen nun nicht jedem Lockerungsimpuls zu folgen. Die Spielplätze öffnen wieder? Die Straßencafes auch? Das ist super, vor allem für die Betreiber, ich muss aber nicht der erste sein der dort sitzt.

Wir verabschieden uns nun alle wieder von der kollektiven Solidarität und finden zurück zum Individualismus. Ich werde solidarisch bleiben, denn ich fand es schon immer doof mit dem Strom zu schwimmen.

Mein Erziehungskonzept versagt. Oder nicht?!

Eine Sommerferienlänge lang sind wir nun zuhause. Die Kinder und ich. Meine Frau geht weiter arbeiten, wie zuvor. Das ist gut, denn es lässt uns sowas wie Alltag beibehalten. Bis auf den Unterschied, dass alle Aktivitäten, die den Alltag sonst bestimmten, nun nicht mehr stattfinden. Der alte Alltag wurde durch einen neuen ersetzt. So weit, so gut/schlecht/was auch immer.

Daher werden wir nicht abgelenkt und können unser Miteinander wie unter einem Mikroskop beobachten. Ein Mikroskop, bei dem wir gleichzeitig Objekt und Mikroskopierender sind. Wir beobachten uns selber dabei wie wir Dinge tun, machen, uns verhalten.

Spannend. Denn ich bin ganz anders als ich dachte.

In den letzten sechs Wochen haben die Kinder (zwei Stück, sechs und vier) vieles mitbekommen was sie sonst nur ahnen konnten. Dass der Frühstückstisch sich nicht automatisch abräumt und reinigt, sobald man das Haus verlassen hat. Dass sich die Wäsche nicht selbstständig wäscht, zusammenlegt und einräumt, sobald man sie nur lange genug ignoriert. Dass das Haus nicht selbstreinigend ist und, bei vermehrtem Gebrauch wie jetzt, auch schneller schmutzig wird. Das alles wussten sie wahrscheinlich auch schon vorher, haben aber die damit verbundene Arbeit nicht so unmittelbar mitbekommen.

Klar, auch am Wochenende oder in den Ferien räumen wir auf, waschen ab,… vieles aber ist der Woche vorbehalten und da sind sie meist nicht da. Nach Schule und Kindergarten sind die lästigsten Arbeiten schon erledigt.

„Dann lass sie doch mitmachen. binde sie ein!“, sagt nun mancher. Mancher, der keine Kinder hat oder dessen Kinder schon lange aus dem Haus sind. Denn der Satz „Darf ich helfen“, aus dem Mund eines Vierjährigen, lässt bei mir zunehmend alle Alarmglocken schrillen. Ich weiß, dass sich die Tätigkeit mindestens um die doppelte Zeit strecken wird und ich hinterher mindestens sechs Baustellen bearbeiten werde, die es ohne die freundliche Hilfe nicht gegeben hätte.

Ich liebe meine Kinder. Ich hasse Gesellschaftsspiele und basteln. Inbrünstig, seit ca. 1985. Trotzdem spiele und bastele ich mit meinen Kindern gerne, gelegentlich. Die momentane Zeit bietet daher viele Möglichkeiten „Neins“ zu verteilen. Nein, ich hab jetzt keine Zeit für eine Partie Uno. Nein, ich baue jetzt keine Legostadt mit Dir. Nein,…

Hinter jedem dieser „Neins“ steckt ein „Ja“. Ja zum Wäschewaschen. Ja zum Hausputz. Ja zum Essen kochen. Ja zu einer Pause.

Das ist oftmals schwer zu akzeptieren. Und es führt immer wieder zu Krisen, Streitereien und Wutausbrüchen. Auf allen Seiten.

Unter unserem momentanen Brennglas kann ich es nicht akzeptieren wenn das Badezimmer beim Baden komplett unter Wasser gesetzt wird, während ich gerade das Abendessen zubereite. Denn zuvor hatten wir besprochen, dass es cool wäre, wenn das Bad trocken bliebe. Immerhin wollen wir gleich alle zusammen einen Kinderfilm schauen und es wäre ja schade, wenn sich das verzögern würde, weil man (ich) noch das Bad putzen müsse. Großes Verständnis auf Seiten der Kinder. Mehr nicht. Dann brülle ich rum, schimpfe, raufe mir die Haare und lehne jede Hilfe beim Aufwischen kategorisch ab.

Ich kann es nicht akzeptieren, wenn die Türen das 682 mal geknallt werden, trotz vorheriger 681 Gespräche darüber, warum es sinnvoll ist dies nicht zu tun.

Ich kann zur Zeit, unter unserem Brennglas, Fünfe sehr selten gerade sein lassen.

Und daran wachsen wir. Es gibt keinen Raum für Maskeraden, keinen Platz sich aus dem Weg zu gehen. Wir sind zusammen. Und wir lernen daraus gemeinsam eine Menge. Ich lerne, dass Kinder im Hier und Jetzt leben, jetzt gerade. Sie scheren sich nicht um gleich. Das ist gut. Die Kinder lernen, dass Papa auch mal Ruhe braucht und kein immer-fröhlicher Spielroboter ist. Vielmehr findet er Hausarbeit genauso scheiße wie sie und ist froh wenn sie beendet ist. Papa liest auch gerne mal ein Buch, ohne Bilder, nur für sich und Papa ist nicht gewillt mehrmals am Tag in die selbsterdachte Zirkusschau zu gehen.

Und das ist ok. Durch Reibung entsteht Wärme, bei uns gerade zur Zeit sehr viel Herzenswärme. Wir lernen uns besser kennen denn je. Wir lernen unsere Stärken und Schwächen kennen und lernen sie zu akzeptieren.

Ja, die Kinder lernen gerade weniger formales Wissen als laut Lehrplan gedacht. Dafür bietet die jetzige Zeit Schätze, die es ohne Corona nie gegeben hätte. Wir dürfen uns aufeinander einlassen, ohne wenn und aber. Ohne störende Zoobesuche, Vereinaktivitäten, Musikschulen, Spielplatzbesuche und was den Alltag sonst noch ausmacht und zerschneidet. Dadurch können wir beim nächsten Zoobesuch, der nächsten Vereinsaktivität, dem kommenden Musikschulbesuch, dem Spielplatzbesuch uns noch mehr darauf verlassen was wir aneinander haben… und die ein oder andere formalisierte Aktivität vielleicht gänzlich abschaffen, denn wir haben es ja gemeinsam gelernt, Zeit miteinander zu verbringen, ohne uns dabei allzu sehr zu stören.

Spannend. Eigentlich bin ich gar nicht anders als ich dachte. Ich lerne aber, dass mein Erziehungskonzept anders aussieht als ich es mir bisher vorgemacht habe.

Ich wollte noch nie der Freund meiner Kinder sein.

Jetzt lerne ich aber, dass ich es nicht sein darf. „Freund“ ist eine Rolle von vielen, die ich ausfüllen möchte. Sie rangiert aber sehr weit hinten. Ich bin Papa. Papas sind nicht immer freundlich und verständnisvoll. Papas haben nicht immer Zeit und Lust zum Spielen. Papas lachen nicht zum x-ten Mal über dieselbe Grimasse.

Papas sind da. Papas hören zu und erklären ihr Verhalten. Sie schimpfen, zetern und streiten. Danach finden sie das Gespräch und lösen die unguten Gefühle auf. Die Sache bleibt bestehen, wird aber mit Sinn gefüllt. Nicht im Sinne einer Rechtfertigung, aber im Sinne einer Erläuterung warum ich mich gerade verhalten habe, wie ich es habe. Papas sagen, dass sie gerade müde, traurig, wütend oder enttäuscht sind. Papas sind Dialogpartner und beziehen die Kinder ein. Und zwar in alle Entscheidungen, in denen Kinder Entscheidungen treffen können. Vieles entscheidet Papa aber selber. Papas trauen Kindern etwas zu. Ich schlichte schon lange nicht mehr jeden Streit. Sollen sie sich doch die Köppe einhauen. Passiert aber seltsamerweise nie, vorher finden sie eine Lösung oder gehen sich wutentbrannt aus dem Weg.
Papas sind kompromissbereit, Papas geben zu, dass sie etwas nicht wissen oder können.

Übrigens: Wenn ich „Papas“ schreibe, meine ich mich. Nicht Euch. Ihr könnt machen was ihr wollt oder mir Eure Meinung in die Kommentare schreiben. Das würde Papa freuen! 😉

Ich lerne gerade viel. Meine Kinder lernen gerade viel.

Ist es anstrengend? Ja.

Ist es wertvoll? Ja!

Jetzt geht´s los. Nicht.

Am Montag gehts los. Wir alle werden zu Ninjas, Mandalorians und Judge Dredds. Wir maskieren uns im Einzelhandel und im ÖPNV. Wir werden FFB 3,2,1-Masken tragen, OP-Masken, selbst genähte Masken, Schals, Tücher und sonst noch alles was sich um das Gesicht wickeln lässt.

Die Idee dahinter: Das öffentliche Leben wird wieder mehr geöffnet, ein Stück Normalität zieht wieder ein, dafür tragen wir alle den nun obligatorischen Spuckschutz.

Gute Idee.

Was ich in den letzten Tagen beobachte ist eine große Verunsicherung meiner Umgebung. Die Wochen davor waren geprägt von dem Wissen darum, dass wir alle zuhause bleiben und so wenig wie möglich rausgehen. Nur das Nötigste war ok. Konsens. Nicht wirklich schön, aber klar.
Jetzt wird vieles aufgeweicht (einerseits), dafür gibt es (andererseits) neue Regeln, wie eben die kommende Maskierung. Verunsicherung macht sich breit.

Und aus dieser Verunsicherung entstehen Emotionen. Ich beobachte schon seit Tagen eine steigende Aggressivität meiner Mitmenschen im Umgang miteinander. Maskenträger gegen nicht-Maskenträger, Abstandshalter gegen weniger-Abschiedshalter. Basis dieser Aggressivität ist die Verunsicherung, entstanden aus der Tatsache, dass wir alle einen neuen, ungewohnten Alltag leben – nun sogar mit Masken.

Das ist nicht gut oder schlecht. Vielmehr geht es darum, dass wir gemeinsam die veränderten Gegebenheiten und Umstände reflektieren. Klar, wir können und müssen alle neuen Regeln für uns persönlich analysieren und bewerten. Sich darüber aufzuregen bringt aber nur eins: Aufregung. Lösungen und Wohlgefühle nicht.

Jeder Mensch um uns herum trifft momentan Entscheidungen für sich (und damit auch unbewusst für seine Umwelt). Entscheidungen über Nähe und Distanz, Maskierung, soziale Kontakte. Entscheidungen, die für jeden von uns neu sind. Niemand war vorher genötigt darüber zu entscheiden, ob und wann er oder sie seine Enkel wieder trifft. Niemand musste bisher darüber entscheiden, ob die eigenen Kinder andere Kinder treffen dürfen. Alles neu. Alles unsicher.

Ab Montag gibt es dann die Pflicht zur Darthvaderisierung. Dadurch werden neue Hierarchien entstehen. Die, die die „guten“ Masken tragen schauen auf die Schalvermummer hinab. Die Gesichtstücherträger lachen über die „Outbreak“statisten. Die, die sich im Supermarkt maskieren verstehen die nicht, die ihre Masken nicht direkt auf dem Parkplatz wieder absetzen. Die Dauermaskenträger mokieren sich über die, die „alles nicht so ernst nehmen“.

Aus Solidarität kann so schnell Uneinigkeit und Eigensinn entstehen. Daraus Aggressivität.

Jetzt geht es los. Es geht los damit aufeinander zu achten. Nicht im Sinne davon alles gut zu finden was andere machen. Die finden ja auch nicht alles gut was ich mache…
Vielmehr im Sinne davon, dass wir uns überlegen aus welchem Grund sich jemand so verhält wie er/sie/es es tut. Dann wird es oft nachvollziehbar. Aggressivität weicht Verständnis.

Darum muss es uns in den nächsten Wochen und Monaten gehen: nachvollziehen, warum sich Menschen so verhalten wie sie es tun. Wertschätzen, dass wir alle Entscheidungen aus einer gewissen Hilflosigkeit heraus treffen müssen. Wertschätzen, dass bewährte Lösungsstrategien bei unserem Gegenüber nicht mehr funktionieren.

Lasst uns gemeinsam lernen, wie wir auch solidarisch bleiben können nachdem der Solidaritätshype vorbei ist.

Warum wir jetzt über Ballaballa nachdenken müssen…

und warum wir neben zusätzlichen Beatmungsplätzen auch viele zusätzliche Zuhörplätze brauchen.

Da sitzen wir nun zuhause, allemann. Und das seit Wochen. Seit Tagen wissen wir nun, dass es noch Wochen weitergehen wird. Ja, etwas abgemilderter, zunehmend, aber 2020 wird sich wahrscheinlich nie wieder so anfühlen wie ein Jahr ohne Einschränkungen.

Als Papa rechen ich damit, dass der status quo bis nach den Sommerferien (also noch 15 Wochen(!!!)) so, oder ganz ähnlich, anhalten wird.

Alles nicht so schlimm, sagen die einen. Alles sehr schlimm, sagen die anderen. In den Wochen nach dem Corona-Start macht sich zunehmend wieder eine Eigenart aller einigermaßen intelligenten Lebewesen breit: die Lagerbildung.

Da gibt es die Befürworter und die Gegner. Manche argumentieren aus wirtschaftlicher Verzweiflung für eine schnelle Aufweichung der einschränkenden Maßnahmen, andere ordnen ihr wirtschaftliches Wohl dem Gemeinwohl unter. Ganz andere ändern ihre Meinung im Takt der Bild-Zeitung.

Und dazwischen werden viele Menschen verunsichert.

Ja, es ist wichtig, dass wir weitermachen, dass wir Abstand halten, dass wir diejenigen schützen, für die Covid-19 eine Lebensbedrohung darstellt. Und zwar so lange wie es nötig ist. Wie lange das sein wird bestimmen dabei weder Facebook-Gruppen, keine Newsseiten, keine arbeitslosen Abmahnanwälte und auch nicht Else Kling von nebenan. Wie lange das sein wird bestimmt unsere Bundesregierung. Denn anders als viele Menschen proklamieren, bedeutet Demokratie nicht: „ich bestimme alles was ich will, denn ich bin das Volk.“ Demokratie bedeutet, dass wir die Möglichkeit haben unsere Vertreter selber zu wählen, sie zu überprüfen und bei Bedarf, durch demokratische Wahlen, vom Hof zu jagen. Wir haben Gerichte, vom popeligen Amtsgericht bis hin zum schillernden Bundesverfassungsgericht. Die alle können und dürfen wir anrufen – mal mit juristischer Unterstützung, mal ohne. Und in der Zwischenzeit haben wir eine gewählte Bundesregierung, die ihren Job macht. Dass sie dabei nicht 80 Millionen Menschen grundlegend zufriedenstellen kann liegt in der Natur der Sache. Das weiß jeder, der schon mal versucht hat in einem Team von fünf Leuten einen Konsens zu finden.

Auf dem Altar der Vorsicht sollten wir aber auch versuchen, dass die psychische Gesundheit nicht geopfert wird. Die Isolation geht erstmal weiter und wir müssen versuchen im Ausnahmezustand einen neuen gesunden Alltag zu etablieren. Dazu gehört auch, dass wir es uns gegenseitig zugestehen im Rahmen des Gestatteten zu denken und zu handeln. Angst ist ein schlechter Berater. Und dieser Berater macht sich gerade bei vielen Menschen breit. Angst, die darauf beruht, dass es kaum möglich ist die Flut der möglichen Informationen gewinnbringend zu filtern. Angst etwas falsch zu machen.

Wer sich jetzt völlig wegschließt, obwohl er/sie/es nicht zur Risikogruppe gehört, erzieht sich gerade selber in eine ungesunde Richtung, wird irgendwann Probleme damit bekommen wieder in Cafes zu sitzen, Hände zu schütteln, sich in Menschenmengen aufzuhalten.

Nein, das ist kein Plädoyer dafür andere zu gefährden. Es ist ein Plädoyer dafür sich, gerade jetzt, sich nicht unnötig einzugrenzen und gezielt Dinge zu finden, die die eigene Psychohygiene unterstützen. Wer jetzt selbst Wald und Wiesen meidet, dem wird irgendwann wirklich die sprichwörtliche Decke auf den Kopf fallen.

Wir müssen jetzt über Ballaballa nachdenken, denn die Corona-Situation ist eine Katalyse für psychische Probleme. Mit eingefahrenen, erlernten Lösungsstrategien lässt sich der jetzigen Zeit nicht begegnen. Niemand hat uns darauf vorbereitet monatelang gänzlich alleine, oder mit der ganzen Familie, kaserniert daheim zu sitzen. Da hilft auch manch medialer Aufruf „Seid resilient“ nichts. Manchmal geht es einem einfach schlecht. Das ist ok. Punkt. Wer jetzt behauptet, man müsse halt stark sein, der hat sich mit sich selber wohl noch nie beschäftigt – geschweige denn mit anderen.

Es geht jetzt darum aufeinander zu achten. Wir sollten uns darauf vorbereiten, dass die Zahl von psycho-sozialen Krisen in den kommenden Tagen und Wochen rapide ansteigen wird. Das liegt auch daran, dass schon zuvor psychisch erkrankte Menschen zur Zeit nicht die Betreuung erfahren, die sie gewöhlich benötigen. Und das in einer Zeit, die zusätzlich noch belastend ist. Wir, das sind wir alle, aber auch das Gesundheitssystem: Neben zusätzlichen Beatmungsplätzen müssen nun auch zusätzliche Zuhörplätze geschaffen werden.

Lasst uns weiter vorsichtig sein, aber lasst uns zunehmend auch füreinander da sein. Lasst uns eine Kultur schaffen, in der es völlig in Ordnung ist zu sagen „Mir geht es gerade nicht gut“ und lasst und ein System schaffen in dem wir uns gegenseitig zuhören. Es geht nämlich nicht um Ballaballa, es geht darum zu verstehen, dass wir alle manchmal Ballaballa sind und dann Menschen brauchen die da sind. Und das hat mit Covid-19 wenig zu tun.

Was wir jetzt für uns tun können.

Mir geht´s gut. Und Euch?

Eine Sache ist aber anders als sonst: ich bin noch dankbarer für alles was ich habe. Für meine Gesundheit, meine wirtschaftliche Sicherheit, meinen Garten, die Gesundheit meiner Freunde und meiner Familie. So langsam richte ich mich im Corona-Gefühl so richtig ein. So sehr, dass ich befürchte, dass die Rück-Umstellung eine Hürde werden wird.

Dabei bemerke ich, vielmehr als im sonstigen Alltag, dass ich aktiv etwas machen muss um meinen Tag zu strukturieren, denn von alleine geschieht ja kaum etwas. Das ist entspannend. Aber alles hat zwei Seiten.

Was kann jeder für sich tun, um der ungewohnten Situation zu begegnen? Im Folgenden ein paar Ideen, die auch Euch vielleicht gut tun.

Gib Dir Sicherheit

  • Angst. Ein bisschen Angst hat jeder von uns momentan. Beherrschen kann uns die Angst aber nur wenn wir sie vergessen zu teilen. Sprich mit anderen über Deine Sorgen und Ängste. Entweder mit Freunden, Bekannten oder offizielle Stellen die für Dich da sind.
    Beispiele: Die Telefonseelsorge (0800/111 0 111) oder das Corona-Sorgentelefon (02302- 910 888 98 oder oder oder)
  • Lass den Tag nicht einfach vorbeigehen. Setze Dir für jeden Tag ein (kleines) Ziel. Das kann ein Spaziergang sein, den Keller aufräumen oder was auch immer. Sei im Rahmen Deiner Möglichkeiten aktiv.
  • Sei routiniert. Im gewohnten Alltag gibt es manchmal mehr Routinen als uns lieb ist. Viele davon brechen nun weg. Schaff Dir neue und gestalte Dir so einen Alltag der Dir gut tut.
  • Bleib in Kontakt. Ja, viele soziale Kontakt brechen gerade ab. Physisch. Deshalb ruf Menschen mal wieder an. Vielleicht ist jetzt der richtige Zeitpunkt vernachlässigte Beziehungen wieder aufzufrischen. Skype, schreib Briefe,…

Sei Dir selbst viel wert

  • Achte auf Dich. Welche Emotion ist gerade dominant? Ärger, Wut, Angst, Freund, Liebe, Scham, Traurigkeit oder Überraschung?
    Welches Adjektiv beschreibt Eure Stimmung jetzt gerade am besten? Eine Liste mit Adjektiven findet ihr zum Beispiel hier: https://www.buchkodex.de/adjektive/)
  • Schmiede Pläne. Der Lockdown wird irgendwann enden. Was machst Du dann gutes für Dich?
  • Lebe jetzt. Finde Dinge, Sachen und Situationen die jetzt gerade gut sind und Dir gut tun.
  • Lass Informationen einfach mal Informationen sein. Mit dem Smartphone in der Hand werden wir dauerhaft mit neuen Informationen beschallt. Ein Übermaß an Informationen kann belasten – vor allem dann, wenn sie immer kleinteiliger werden. Informiere Dich, lass aber nicht zu, dass es zu viel wird. Zweimal am Tag Infos einholen reicht. Früher sind die Menschen auch mit der täglichen Tagesschau ausgekommen.

Habt Ihr noch weitere Punkte/Ideen die diese Listen ergänzen? Dann schreibt sie gerne in die Kommentare.

Euch allen einen schönen Tag

Wie geht es Dir?

Da sitzen wir alle. Zuhause. Ungeplant. Unvorbereitet. Auf unbestimmte Zeit.
Wir haben Zeit und mit der Zeit kommt das Grübeln. Grübel darüber was alles sein könnte, sein wird, wie es weitergeht. Bei vielen von uns kommen wirtschaftliche und finanziell schlechte Aussichten dazu. Das bedrückt und kann Sorgen und Ängste auszulösen. Nach der Viruswelle hat Corona das Potenzial eine Welle von Angst und Hilflosigkeit auszulösen. Und das noch lange nachdem die somatischen Folgen des Virus schon vergessen sind.

Die medizinischen Mühlen mahlen gerade auf Hochtouren. Wunderbar. Ich finde es großartig in einem Land zu leben, in dem die Versorgung so ist wie sie ist. Durch die Maßnahmen und die flankierende mediale Berichterstattung verstehen wir nun alle den Ernst der Lage und versuchen uns gegenseitig zu stützen. Wir tragen Masken, halten Abstand, helfen uns bei sachlichen Problemen, gehen füreinander einkaufen, vertagen unsere Steuern, steuern etwas zur kollektiven Genesung bei.

Und doch erleben wir dabei eine der größten Krisen der Menschheitsgeschichte – zumindest die weltumspannenste – als Teilnehmer, als Protagonist. Und wir wissen nicht welche Rolle das Drehbuch für uns und unsere Familien vorgesehen hat.
Trotz dieser enormen psychischen Belastungen stellen wir die körperlichen Symptome in den Vordergrund. Das ist richtig, sinnvoll wäre es aber die auf der gleichen Höhe wahrzunehmen wie die psychischen Folgen unserer momentanen Situation.
Wir befinden uns, Tag für Tag, in einer Situation auf die wir nicht vorbereitet wurden, die man intellektuell kaum erfassen kann und von der niemand weiß wie lange sie uns noch einschränken wird.

Daher ist es jetzt wichtig sich eines klar zu machen: Unwohlsein und Angst sind völlig in Ordnung. Es gibt keinen Grund Stärke vorzutäuschen, denn niemand fühlt sich gerade wohl. Und weil wir alle geschwächt sind können wir nun beginnen uns gegenseitig zu stützen?

Wie? Zum einen gibt es viele hilfreiche Hotline bei der Euch fähige Leute unterstützen und zuhören. Jedoch auch im kleinen kann jeder dazu beitragen, dass niemand das Gefühl haben muss alleine zu sein.