Natürlich ist die Bahn ein tolles Unternehmen. Im Winter ist hin und wieder  geheizt, es gibt bei größeren Verspätungen ein klein wenig Schmerzensgeld zurück, wenn man den Papierkram überlebt, und manchmal kommt man tatsächlich entspannt am Zielort an. Was will Pendler eigentlich mehr?

Ich pendele die nächsten Wochen vom schönen Heidelberg ins schöne Nürnberg. Und steige gerne in die Bahn. Man kann ein wenig wegdösen, wenn die Landschaft draußen dazu einlädt. Man kann sich einen Kaffee gönnen während der Fahrt und dann trotzdem wegschlummern. Und man kann sich die Welt von der Seite aus anschauen, was ein großer Vorteil der Bahn gegenüber einem Auto ist. 

Ich war kürzlich in München. 

Natürlich wollte ich da nicht hin. Aber in der Bahnlogik war das der einzige Weg von meiner schönen Heimatstadt am Neckar den Fluss runter nach Stuttgart (da wollte ich auch nicht hin) und dann das Filstal hoch Richtung Ulm zur Donau. Und weiter über den Lech zur Isar in die bayerische Landeshauptstadt, weil dort ein Zug wartet, der mich dann nach Nürnberg bringt, wo ja der Rhein-Main-Donaukanal Rotterdam mit dem Schwarzen Meer verbindet. Mir standen alle Wege offen! 

Denn so kann die Bahn ihre tollen Schnellfahrstrecken präsentieren. Von Mannheim nach Stuttgart in hastdunichtgesehen… 40 Minuten! Und von Augsburg nach München – hui! Und schließlich zurück nach Nürnberg über die tolle neue Strecke nach Berlin. 

Eine Leistungsschau deutscher Betonbaukunst.

Natürlich wollte ich das nicht. Ich wollte gemütlich und relaxed über Frankfurt und Würzburg fahren. Der Fahrplan sah anderes für mich vor – und seien wir ehrlich: Wer nach Bayern fährt, muss einfach München gesehen haben. Vor allem, wenn man eigentlich nach Franken will. Das schmerzt die bajuwarische Seele sonst. Wenigstens den Hauptbahnhof der Residenzstadt muss man betreten haben – die Bayern sind ja weltläufig!

Was ich nicht so richtig verstehe: Warum läuft bei der Bahn gerade soooo wahnsinnig viel schief? Der Umweg war nötig geworden, weil ich in Stuttgart um wenige Sekunden nur meinen Anschlusszug verpasst hatte. Verpasst, weil der Zug nach Stuttgart über 10 Minuten Verspätung hatte, und diese hatte er schon aus Mannheim mitgebracht. In Mannheim  war ich gelandet, weil mein Eurocity nach Frankfurt schon in Heidelberg mit 50 Minuten im Rückstand war. Und jener Eurocity war der Zug meiner Wahl, weil am Tag darauf – dem Streikmontag – überhaupt kein Zug fahren sollte. Ich ging also rund 16 Stunden zu früh los, um trotzdem überall zu spät zu sein. Das passiert einem weltweit wohl nur mit der Deutschen Bahn. „Wir wollen, dass Sie entspannt ankommen“.

Ehrlich. Eine Woche später wieder, diesmal Hanau – Nürnberg. Die Bahn-App sagte schon Stunden vor Abfahrt: Geduld, wir haben mindestens 30 Minuten Verspätung. Immer wieder gecheckt, immer wieder blieb die Verspätung pünktlich. Am Hanauer Hbf angekommen nochmal die App gecheckt: 30 Minuten später. Auf der gut informierten Anzeigetafel im  Bahnhof plötzlich ein neuer Stand: Der Zug soll angeblich nur noch 10 Minuten zu spät sein – wer jetzt verspätet war, war ich! Also: Zum Gleis gerannt als sei der Bahnchef persönlich hinter mir her. Die App sagt weiterhin: 30 Minuten, nein: plötzlich sagt sie: 10.

Renne, Harry, renne! Ich bin außer Puste am Gleis, aber offensichtlich war der Zug noch nicht da… Man kann sich auf die Pünktlichkeit von Verspätungen einfach nicht verlassen. Fünf unsichere Minuten lang passiert bahntypisch nichts. Bis eine freundliche Lautsprecherstimme endlich befreiend scheppert: „Der IC nach Passau über Nürnberg kommt 30 Minuten später am Gleis 103 an.“ Unternehmen Zukunft eben.

Boah, ey. Dass es auch anders gehen kann, beweisen mindestens die Schweizer und die Österreichische Bahn jeden Tag. Zurück von Nürnberg nach Frankfurt nehme ich beispielsweise einen ICE, der aus dem weit entfernten Wien kommt. 500 Kilometer sind’s bis Nürnberg, also genügend Zeit und Raum für ordentliche mitteleuropäische Verspätungen – und diese Wiener ICEs fahren in ihrer provokanten Heurigengemütlichkeit fünf Minuten zu früh (!) in den Bahnhof ein – jedes Mal! Es klappt also, wenn man will und seine Infrastruktur im Griff hat.

Vor wenigen Wochen hätte ich beinahe bei der Bahn angeheuert. (Brüller!) Aber ich will ja nicht permanent zu spät zur Arbeit kommen.

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