Alle unter einem Dach – Kinder, Corona und die Folgen.

Das Internet hat sich in den letzten Wochen verändert. Die Welt steht still, nichts geht mehr und wir alle sitzen daheim. Das hat zur Folge, dass nur noch wenige Dinge passieren die „instagrammable“ sind, kein Glamour mehr, kein Glitzer und keine ewig gleichen Bilder von Reisen aus dem Instagram-Reiseführer.

Stattdessen Menschen, die in ihren eigenen vier Wänden Sport treiben, sich dabei filmen und die Welt damit versuchen ein bisschen beweglicher zu machen. Die anderen gefühlten 50% aller Beiträge sind Ideen, Tipps und Ratschläge, mit welchen Aktivitäten man am besten durch die Corona-Zeit kommen mag. Da wird gebastelt, gemalt und gestaltet wie es kein erträumter Kindergarten schöner machen könnte.

Meine Theorie: All die Vorschläge stammen von Menschen, die entweder keine eigenen Kinder haben, deren eigene Kinder schon sehr lange groß sind oder die sich mit dem Thema nur theoretisch beschäftigt haben.
In der Praxis sieht es dagegen so aus:

Schritt 1: Elternteil besorgt Bastel-/Mal-/Gestaltungsmaterialien
Schritt 2: Elternteil eruiert, mit viel Liebe, Möglichkeiten diese kreativ zu benutzen
Schritt3: Elternteil baut diese Materialien auf
Schritt 4: Elternteil motiviert Kinder (gemeinsam) loszulegen
Schritt 5: Kinder reagieren begeistert
Schritt 6: Kinder sind nach fünf Minuten fertig und/oder gelangweilt
Schritt 7: Eltern räumen alles wieder weg, sind enttäuscht und frustriert.
Schritt 8: Eltern hassen Instamums noch mehr als vorher.

Viele von uns begegnen der momentanen gemeinsamen Isolation mit dem Druck etwas „machen“ zu müssen. Die Kinder müssen doch unterhalten werden. Die Kinder müssen doch kreativ animiert werden. Ich als Eltern muss doch meiner Pflicht nachkommen die Kinder zu unterhalten.

Blödsinn. Warum? Weil es praktisch gar nicht umsetzbar ist. Niemand will und kann sich 24 Stunden am Tag, sieben Tage in der Woche, dauerhaft mit einem anderen Menschen beschäftigen. Niemand kann das – unabhängig vom Alter des Gegenübers.

Und gerade aus diesem Grund bietet unser aller Situation eine Monsterchance zusamenzuwachsen. Viel mehr als es ohne die gemeinsame Kasernierung möglich wäre.

Es ist Zeit freies Spielen zu lernen, ganz ohne Ablenkung durch Kindergarten, Schule, Sportverein und Flötenunterricht. Es ist Zeit einfach mal zu machen, ganz einfach, weil wir mehr Zeit haben als üblich. Wir können einfach mal machen, egal wie lang oder kurz es dauert.
Ja, das kostet. Es kostet eine ordentliche und aufgeräumte Wohnung, es kostet Ruhe, …
Gleichzeit birgt und bringt es Ruhe, die dadurch entsteht, alles einfach mal geschehen zu lassen. Alles fließt… oft eben auch das Wasser aus der Tasse auf dem Tisch.

Es ist Zeit Nähe und Distanz zu lernen, sich abgrenzen. Niemand will und kann ganztägig mit einem anderen Menschen zusammen sein, über Wochen hinweg. Deshalb können wir unsere Kinder jetzt stärken und ihnen zeigen, dass Nähe und Distanz wichtig sind, um sich weiterhin dauerhaft liebevoll und wertschätzend zu begegnen. Auch im normalen Alltag gibt es diese Phasen, ganz natürlich. Man verabschiedet sich morgens am Kindergarten und trifft sich am Nachmittag wieder. So freut man sich aufeinander und auf die gemeinsam Aktivitäten, vielleicht auch auf das gemeinsame Nichtstun.
Bei uns ist das gerade eine riesige Herausforderung und es klappt immer besser. Warum? Weil die Kinder verstehen lernen, dass auch Eltern Freiräume brauchen und dass diese Distanz nichts mit emotionaler Distanzierung zu tun hat.
Ich glaube, diese Erkenntnis wird meine Kinder auch in der Phase nach Corona stärken.

Es ist Zeit Verantwortung zu lernen. Der Satz „Ich brauche jetzt mal Ruhe, um ein Telefonat zu führen“ hätte noch vor Wochen zu völligem Unverständnis und Schreiereien geführt. Jetzt wissen meine Kinder, dass Telefonate für mich selten Freizeitbeschäftigung sind und sie übernehmen die Verantwortung mir die Zeit für diese Gespräche zu geben. Dafür wissen sie, dass ich danach auf jeden Fall mit ihnen spielen werde… das ist meine Verantwortung. Geben und nehmen – auch so eine Corona-Erfahrung.

Es ist Zeit nah beieinander zu sein. Denn wir alle haben gerade Angst. Mal mehr mal weniger. Vor verschiedenen Dingen. Deshalb sind gerade diejenigen jetzt privilegiert, die als Familie die Isolation begehen. Denn eigentlich ist es ja auf diese Weise gar keine Isolation. Es ist das, was viele von uns oft vermissen: Zeit mit der Familie. Eine Sichtweise die mir weiterhilft. Nah beieinander zu sein bedeutet, dass man Ängste und Unwohlsein teilt und manchmal sogar auflöst.

Es ist Zeit das wertzuschätzen was da ist. Und das ist, bei vielen von uns, eine ganze Menge. Nur eben anders verteilt als gewöhnlich.

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