Solidarität: ein Begriff fürs Corona-Bullshit-Bingo

Gruppen funktionieren hierarchisch. Treffen mehr als eine Person zusammen entwickelt sich eine Hierarchie. Ich beschäftige mich seit etwa 2006 mit Gruppen und Gruppendynamiken, habe damit lange mein Geld verdient und bin der validen Überzeugung, dass der Wunsch sich von Rangfolgen loszulösen ehrbar ist, theoretisch denkbar und praktisch genauso umsetzbar wie funktionierender Sozialismus – gar nicht.

Gruppen bestehen aus Menschen und Menschen orientieren sich nach „oben“ – was auch immer das heißen mag. Manchmal aus Gutglauben, oft aus Faulheit. „Sollen die da oben doch eine Lösung für mich finden!

Nach Wochen der Corona-Einschränkungen gilt es nun diese wieder etwas zu lockern. Erste Gerichtsurteile pochen sogar schon darauf. So zu lockern, dass der Virus weiter wenig wüten kann und gleichzeitig wirtschaftliches- und gesellschaftliches Leben wieder möglicher wird.
Und plötzlich ist es vorbei mit der wochenlang beschworenen Solidarität. Plötzlich geht es um mehr als bunte Steine auszulegen und Fensterscheiben zu bemalen. Plötzlich ist es vorbei mit der Einigkeit in der Zeit mit weniger Freiheit.

Stellen Sie sich vor Sie kommen ins Gefängnis. Sie sind ein wirklich schwerer Bursche, habe eine paar Morde, Plünderungen und Brandschatzungen hinter sich. Also kommen Sie in den coolen Trankt, zu den anderen wirklich schweren Jungs. Alle haben coole Tattoos, krasse Muskeln und schicke Feinrippshirts. Sie gehören dazu, sofort. Sie erklären sich solidarisch. Denn Sie sind ja nun gemeinsam isoliert. Sie und alle anderen verbindet, dass sie alle einiges auf dem Kerbholz haben und sie dafür isoliert wurden. Nicht mehr und nicht weniger.
Nach einigen Wochen sieht die Welt schon anders aus. Sie haben jetzt eine kleine Gang von vier anderen Mitgefangenen. Mit den anderen können Sie immer weniger anfangen – mit den Neofaschisten, den Vergewaltigern, denen, die ständig Ausbrüche oder Revolten planen. Sie wollen Ihre Zeit absitzen, möglichst wenig Stress haben und irgendwann wieder rauskommen.

Genau…!

Viel mehr als gemeinsame Isolation und die Aufregung über die Mangelware Klopapier hat uns in den letzten Wochen nicht verbunden. Eine Zeit konnte das darüber hinwegtäuschen, dass Corona für einige von uns bezahlten Urlaub bedeutete oder mehr Zeit mit den Kindern oder vermehrte Langeweile. Für die anderen bedeuten die letzten Wochen Angst vor dem Jobverlust, Panik vor dem wirtschaftlichen Niedergang, Trigger für psychische Erkrankungen oder Gewalt im engsten Umfeld.

Eine Zeit lang konnten wir uns auf den kleinsten gemeinsamen Nenner einigen. Aber eben nur auf den. Selbst ein so starker Virus wie Corona schafft es nicht eine Gesellschaft zu egalisieren und alle zu Freunden zu machen. Das schaffen wir nur selber, oder eben nicht.

Und „die da oben“? Sind auch nur Menschen und geben, nach Wochen der Abgabe der Führungsverantwortung an „die da oben“, ihre Solidarität wieder auf. Nun entscheidet wieder der Wahlkreis was gewünscht wird. Die Ministerpräsidenten überbieten sich darin sich freizuschwimmen, um wieder als Individuum wahrgenommen zu werden.

Plötzlich gibt es wieder viele „die da obens“ und die eigene Solidarität orientiert sich entsprechend der sowieso vorhandenen eigenen Meinung.

Alles wie immer also?

Nein. Durch Corona ist etwas geschehen. Wir haben, für kurze Zeit, gesehen, dass die eigene Meinung wichtig ist und Meinungsfreiheit entscheidend. Das wussten wir auch schon vorher. Aber wir haben gelernt, dass Meinungsfreiheit nicht Handlungsfreiheit bedeutet und es sinnvoll und gut sein kann seine eigenen Antriebe hinten anzustellen. Wir haben gelernt, dass Freizeit auch einfach freie Zeit bedeuten kann, ohne die Dauersuche nach einem tagfüllenden Erlebnis. Wir haben gesehen, dass die Welt ohne Kinos, Restaurants und Spielplätze zwar nicht schöner wird, untergehen tut sie aber auch nicht.

Wir haben unser Handeln solidarisch dem Allgemeinwohl zur Verfügung gestellt und uns so verhalten, dass es einer Sache außerhalb unserer unmittelbaren Bedürfnisse dient.

Ich gehe gestärkt aus den letzten Wochen hinaus. Ich weiß jetzt, dass ich mir selber genüge. Ich weiß jetzt, dass mir Langeweile sogar manchmal fehlt. Ich habe beschlossen mich auch nach Corona mehr zu langweilen. Und ich habe beschlossen nun nicht jedem Lockerungsimpuls zu folgen. Die Spielplätze öffnen wieder? Die Straßencafes auch? Das ist super, vor allem für die Betreiber, ich muss aber nicht der erste sein der dort sitzt.

Wir verabschieden uns nun alle wieder von der kollektiven Solidarität und finden zurück zum Individualismus. Ich werde solidarisch bleiben, denn ich fand es schon immer doof mit dem Strom zu schwimmen.

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