1981 bis Juni 2019: Ich finde Menschen die laufen, joggen oder waldlaufen gehen doof.

Juni 2019: Ok, dann versuche ich es. Dieses eine Mal, ich werde mir beweisen, dass Laufen wirklich so doof ist wie ich es glaube zu wissen. Ich ziehe meine Alltags-Sneaker an und laufe los.
Ziel: so weit laufen wie ich es schaffe, ohne mich dabei ausgepowert zu fühlen. Nach 2,98 km ist Schluss. Ich habe für diese Strecke knappe 25 Minuten gebraucht und fühle mich furchtbar.
Bestätigung? Eine zweite Chance geben ich jedem und allem. Ich laufe also einige Tage später nochmal los, in der festen Absicht, dass dies das letzte Mal sein wird. Der Lauf verläuft ähnlich wie der Erste. Unterschied: ich fühle mich danach besser, es hat mir irgendwie Spaß gemacht.

Seit ich begonnen habe zu laufen habe ich zahlreiche Nachrichten erhalten. Nachrichten von Leuten aus meinem näheren oder weiteren Umfeld, die mir schreiben, dass sie auch gerne die Disziplin, die Zeit oder den Durchhaltewillen hätten zu laufen. Sie würden schon lange planen damit zu starten, schaffen es aber nicht.
Daraus entspannen sich stets sehr gute Dialoge und einige dieser Menschen gehen heute, als Ergebnis unserer Gespräche, selber laufen. Großartig und eine Motivation für mich einige Zeilen zu diesem Thema zu verlieren.

Juni 2019 und das weitere Jahr: Tatsächlich, ich beginne regelmäßig zu joggen. Ich spüre, dass es jedes Mal leichter wird, besser, ich fühle mich fitter. Der ganze Mist tritt ein den mir die doofen Laufleute davor jahrelang gepredigt hatten. Verdammt.

Fast erinnert es mich an meine Abneigung gegen alternative Heilmethoden vor vielen Jahren. Um 1998 war ich extrem von Heuschnupfen betroffen und hatte quasi jede Therapie versucht, die der Markt hergab. Helfen tat nichts, außer starken Tabletten. Meine Mutter wies mich auf das damals recht neue Angebot der Akupunktur hin. Das müsse man zwar selber bezahlen, einen Versuch sei es doch aber wert.
Nö. Ist doch völliger Hirnriss, Bullshit. Aber, na gut, ich werde beweisen, dass es völlig dämlicher Hokuspokus ist. Eine Sitzung später war ich annähernd symptomfrei und der Heuschnupfen kam in seiner bisher gewohnten Aggressivität nie wieder zurück.

Muss also was dran sein an den Legenden der Läufer. Doch nicht alle doof.
So lief ich also durch den Sommer 2019 bis im September gar nichts mehr ging. Ich hatte schon vorher gemerkt, dass meine Hüfte die nun fast täglichen Läufe zunehmend mit Schmerzen quittierte. Als harter Hund lief ich aber gegen den Schmerz an. Dabei bin ich gar kein harter Hund und meine Hüfte auch nicht.
Also, Zwangspause, nach Wochen ohne Linderung sogar mit Kortison.

Wie kann ein Mensch alleine so blöd sein.

Die Pause zeigte mir aber genau was ich will. Ich will keinen Marathon laufen. Vielleicht irgendwann mal die Strecke von gut 42 km, ja. Ich werde aber nie Geld dafür bezahlen, um mit 10.000 anderen „Individualisten“ durch Berlin, Rom, New York oder Klein-Ostheim zu laufen. Laufen ist Freiheit und die gebe ich für das Erlebnis einer Großveranstaltung nicht auf. Ich suche keine Medaillen und keine Urkunden, dafür finde ich Anspannung, Entspannung und einen sehr freien Kopf.

Die erste Kilometer tun immer weh – da kann man sich dehnen wie man will (was ich nie tue). Denn während dieser ersten Kilometer ist der Kopf noch an, plant die Strecke, die Zeit danach, durchdenkt den vergangenen Tag oder die Zwist vor einigen Stunden. Nach einigen Kilometer ist dafür keine Energie mehr da. Die Körper wird in einen Urzustand versetzt: (weg)rennen. Es gibt keine Vergangenheit und keine Zukunft, es gibt Hier und Jetzt. Für alles andere ist kein Platz und keine Zeit. Energie fließt. Nicht im esoterischen Sinne, sondern dahin wo sie gebraucht wird. Wenn ich meine Leistungsgrenze erreiche ist es schon kraftraubend die ausgestreckten Hände zur Faust zu ballen, oder umgekehrt. Die Kopfhaltung zu verändern tut weh, denn eigentlich ist dafür keine Energie mehr da.
Und im Kopf herrscht ganz viel Aufgeräumtheit.

Ja, ähnliches BlaBla fand ich auch fürchterlich bevor ich selber losgelaufen bin!

Aber wie läuft man los?
Ich habe mir meine ersten richtigen Laufschuhe erst nach vielen Monaten des Laufens gekauft. Vorher waren meine 08/15-Turnschuhe meine Begleiter. Selbst als ich schon Strecken über 15 Kilometer gelaufen bin, habe ich auf Laufschuhe verzichtet. Der erste Lauf in Laufschuhen war dann eine Offenbarung, ja. Trotzdem würde ich es wieder genauso machen. Ohne Laufklamotten, ohne spezielle Hilfsmittel. Nur in normalem T-Shirt und Jogginghose.

Denn die Klamotte steigert die Erwartungen an sich selber. Wer gerade 300 Euro für Schuhe, Hose, Shirt und Jacke ausgegeben hat, der muss doch ein Laufwunder sein. Wer investiert hat spekuliert automatisch immer auf einen Return-on-invest.

Deshalb!

Lauf einfach los. Es geht ums Laufen. Nicht um Zeiten, Strecken, Polsterungen, Winddichtigkeiten. Für die ersten 20 Läufe reicht das was schon im Schrank hängt. Es zählt nur ein Ziel: überhaupt Laufen. Du bist nach fünf Minuten schon platt und aus der Puste? Scheiß egal. Geh nach Hause, sei stolz und lauf demnächst wieder los. Denn es gibt eine Garantie: wenn Du läufst, läuft es zwangsläufig immer besser. Ob Du willst oder nicht.
Lauf los und lass es egal sein wie es sich entwickelt. Vielleicht sind auch die ersten zehn Läufe kacke. Egal, denn was zählt ist die Bewegung an sich.

Wir alle wollen toll sein und Dinge mit Einfachheit meistern. Klar. Geht aber nicht – außer bei Instagram.
Loslaufen tut weh, sieht scheiße aus und befriedigt vordergründig so gar nicht. Außer Du hörst Dir nach einem Lauf mal genau selber zu und merkst, dass es geil war das geschafft zu haben was Du gerade geschafft hast.

Also, Schuhe an und los.

Und ich? Ich bin in den letzten Monaten durch etliche Täler gelaufen, wurde langsamer, habe Strecken nicht mehr geschafft, die ich vorher entspannt gemeistert habe. Egal. Weiterlaufen. Und es wurde wieder besser.
Nun ist gerade meine persönliche Heuschnupfenzeit und meine Atmung verkürzt sich, daher walke ich nun regelmäßig.

Walken!? Das machen doch nur alte Damen und dicke Männer – meine Meinung bisher. Und? Das ist völliger Blödsinn. Durch den Zwang walken zu müssen, wenn ich mich überhaupt bewegen will, habe ich etwas entdeckt, das meine Laufaktivitäten perfekt ergänzt. Walken hat Vorteile, die mir so nie bewusst geworden wären.

Was habe ich durch Laufen und Walken gelernt?

Ich werde Dingen eine Chance geben, egal als wie blöd ich sie erstmal bewerte. Das habe ich schon immer versucht. Jetzt habe ich gelernt, dass alles andere sinnlos ist.

Viel Spaß und Erfolg beim Loslegen!


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