Nach unten treten, das ist Kabarett.

Wann hat das eigentlich angefangen, dass Kabarett nach unten tritt? Dass das Kabarett, statt der „Obrigkeit“ auf die Finger zu schauen und heftig auf diese draufzuklopfen, jetzt den normalen unschuldigen Mitmenschen als Zielobjekt verachtet? Oder, schlimmer, auf die ärmeren und weniger klugen verächtlich herabschaut? Sich über sie lustig macht – weil es garantiert einen Lacher bringt? Klar kann Satire, kann Kabarett 360 Grad um sich schießen und darf alles und jedes aufs Korn nehmen: die Dicken und die Dünnen, die Klugen und die Deppen, die Mächtigen und die Ohnmächtigen. Das muss erlaubt sein, klar, und im Einzelfall ist das notwendig und sachdienlich. Wenn wir kollektiv versagen, muss uns das Kabarett dies unter die Nase reiben und uns auslachen. Ansonsten wäre es kein Kabarett.

Ich mag daher Hagen Rethers Art zu denken. Ich mag es, wie er auf Themen und Sachverhalte blickt – gegen den Strich, unerwartet, von „hinten“ gedacht und damit von der richtigen Seite her. Ich mag es, wie er – wie man so schön phrasenhaft und abgegriffen, aber dennoch treffend sagt – uns „den Spiegel vorhält“. Also nochmal, damit hier keine Missverständnisse aufkommen: Ich bin ein Fan von Hagen Rether. Grundsätzlich.

Aber auch Hagen Rether tritt hie und da nach unten. Für einen billigen Lacher macht er sich gerne mal über Menschen lustig, die er ohne nähere Beschäftigung mit ihnen schlicht für dumm hält. Und sein artiges, gebildetes, sich grundsätzlich auf der moralisch richtigen Seite wähnendes Publikum lacht natürlich hämisch mit. Hagen Rether macht den billigen Witz, dass in seiner Buchhandlung jemand nach einem Globus gefragt habe (im Video unten 36:29). „Neulich war einer da, der hat gesagt, er hätt‘ gern nen Globus vom Ruhrgebiet“.

Haha, was sind das doch für Deppen, diese Menschen. Wie gut, dass wir im Publikum und am superteuren Kabarettistenflügel ja klug und gebildet und distinguiert sind und natürlich besser wissen, dass das Blödsinn ist. Ein Globus übers Ruhrgebiet. Die Leute wissen nicht, dass das Atlas heißt. Haha, wir sind die Klugen und verachten die Doofen. Ein Globus! Übers Ruhrgebiet! Wie doof kann man sein….

Nun, als ich in den 2000er-Jahren meine erste Stelle beim Presseamt der Stadt Frankfurt angetreten hatte, stolperte ich als Erstes über einen solchen Globus. Einen Globus der Stadt Frankfurt am Main. Es war ein Marketinggag, ein Give-away, ein Merchandising-Produkt einer kreativen Agentur. „Lass uns doch den Stadtplan der Stadt auf eine Kugel spannen und einen Globus drausmachen“. Ich hatte diesen interessanten Staubfänger irgendwann vor dem Ausmustern gerettet und mit nach Hause genommen. Da stand er dann mehrere Jahre auf meinem Wohnzimmer-Regal, bis er irgendwann auseinanderfiel und ich ihn wegwerfen musste. Leider hab ich kein Beweisfoto gemacht.

Klar gibt es also einen Globus von einer Region. Und klar gibt es auch einen Globus vom Ruhrgebiet. Hier – ich mache keine Werbung, sondern verlinke nur journalistisch – kann man einen kaufen. War der Mann, über den sich Hagen Rether lustig macht, also ein Dummkopf, auf dessen Dummheit man herumtreten darf, um sich selber besser zu fühlen? Oder hat dieser Mann nur einen etwas fragwürdigen Geschmack? Jedenfalls ist der Ruhrgebiets-Globus ein lustiges Mitbringsel, und evtl. sogar ein didaktisch gar nicht so unsinniges Stück Geografieunterricht.

Wie sagte der andere NRW-Kabarettist, der auch sehr gerne nach unten tritt, so treffend: „Wenn man keine Ahnung hat, einfach mal Fresse halten.“ Und das ist das Tragische: Hagen Rether geht nicht seiner Aufgabe nach und recherchiert, bevor er einen billigen, unfairen, ja: kontrafaktischen Gag auf Kosten ganz normaler Menschen macht. Er unterstellt lieber: Doofe Menschen stellen doofe Fragen nach doofen Dingen. Und lässt das Publikum schlussfolgern: Wie gut, dass ich kein Doofer bin…

Ich mag diese Attitüde nicht.

Aber sie passt halt in die Zeit. „Ich hab zwar keine Ahnung und noch nie von einem Ruhrgebietsglobus gehört, aber ich weiß ganz bestimmt dass der, der danach fragt, ein Knalldackel ist.“ Mal schnell ein Urteil über einen anderen Menschen rausgehauen, ohne nach dem Beweggrund gefragt zu haben. Ohne kurz innezuhalten und sich zu fragen: Warum hat der Mensch denn danach gefragt? Könnte es sein, dass er etwas weiß und sucht, von dem ich noch nie gehört habe? Könnte es sein, dass da was dran ist an der Frage in der Buchhandlung? Könnte es sein, dass der Mensch gar nicht so doof ist, wie ich denke? Dass mir einfach Informationen fehlen, dass ich mich also irren könnte?

Diese Frage, die die Erkenntnis leitet, ist wichtig. Diese Frage erst bringt uns voran, führt zu neuen Erkenntnissen. Und sie führt zu Verständnis und Mitgefühl. Ich muss immer erstmal davon ausgehen, dass ich nicht genau weiß, um was es wirklich geht, was dahinter steckt. Ganz oft ist das, was ich mir vorschnell zusammenreime, nämlich falsch. Oder unvollständig. Oder einfach oberflächlich. Und diese Form von Vor-Urteil ist: dumm.

Ich will aber kein Kabarett, das „dumm“ ist. Ein Kabarett, das sich dumm stellt und dumm gibt, um kluge Fragen zu stellen und zu neuen Erkenntnissen zu kommen – ja, das auf jeden Fall. Aber kein Kabarett, das seine Erkenntnis aus Vorurteilen zusammenklöppelt und sich über das „Opfer“ der eigenen Kurzsichtigkeit lustig macht.

Okay, ich möchte meinerseits Hagen Rether nicht unrecht tun, weil ich seine Beweggründe und seine Informationen nicht kenne. Aber ich mag es nicht, wenn Kabarett unfair wird und statt nach oben nach unten tritt.

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