Die zweite Welle, Zeit für Achtsamkeit – ein Eutopieversuch

Da ist sie. Die zweite Welle. War es klar, dass sie kommen würde? Ich weiß es nicht, habe jedoch stark damit gerechnet. Auch herrscht fast schon wieder so etwas wie ein Lockdown, wir ziehen uns wieder mehr zurück, Kultureinrichtungen schließen wieder, andere werden vielleicht folgen müssen.

Winter is coming.

Die gute Nachricht: Wir alle sind gelernte Lockdown-Profis.

Der Unterschied: Die zweite Welle wird schlechter. Zumindest was das Wetter betrifft. Die Balkon- und Terrassentüren bleiben geschlossen. Die Draußen-Zeit wird durch die späte Helligkeit und die frühe Dunkelheit der Wintertage verkürzt. Die sozialen Kontakte nehmen rapide ab, weil Treffen draußen im Freien nun auch keinen allzu großen Spaß mehr machen.

Und wo ist da das eutopische Moment, der positive Aspekt?

Wir sind der Situation nicht hilflos ausgeliefert. Doch dafür müssen wir etwas tun. Aktiv.
Dazu können wir uns fragen wann Stress zum Risiko wird. Und Stress bedeutet die zweite Welle, ein sich ankündigender zweiter Lockdown, für viele von uns. Nachvollziehbar und aus guten Gründen.
Der individuelle Umgang mit Stress beding das Risiko unter ihm zu leiden (vgl. dazu etwa Lehr et al.) oder gut mit ihm klar zu kommen.

Nach dem transaktionalen Stressentstehungsmodell kann Stress in drei unterschiedliche Aspekte unterteilt werden:

  1. Situation
  2. Bewertung der Situation
  3. Stressreaktion

Situation ist die Antwort auf die Frage, ob die Situation, die Stress auslöst, verändert werden kann.
Die zweite Frage lautet, ob die Situation auch so bewertet werden kann, dass sie weniger oder keine Stresssymptome auslöst.
Die dritte Frage: Kann die Reaktion auf das stressauslösende Ereignis so verändert werden, dass sie nicht mehr als unangenehm empfunden wird? Kann die Reaktion so verändert werden, dass keine physiologischen Stressreaktionen entstehen?

Auf die Situation haben wir keinen Einfluss. Corona ist da und die wenigsten von uns haben die Möglichkeit die politischen Maßnahmen direkt mitzugestalten.
Bei der Bewertung der Situation sind wir schon weniger hilflos. Hier kommt es auf unsere Perspektive an. Darauf, wie wir den Corona-Alltag wahrnehmen und gestalten. Diese Wahrnehmung ist veränderbar. Auch wenn wir erstmal alles doof finden, quasi als erste, unvermittelte Reaktion, so können wir die Situation trotzdem nehmen und drehen und wenden. Wir können sie von allen Seiten betrachten und uns dabei von der Frage leiten lassen, was denn gerade, neben allem Blöden, wertvoll und gut ist.
Mir hilft dazu manchmal ein einfaches Stück Papier auf das ich gezielt all die Dinge schreibe, die gut gerade sind.

Auf meinem Zettel steht zum Beispiel:
– weniger Termine
– mehr Zeit mit der Familie
– Ruhe
– mehr Zeit für Kreativität
– Möglichkeiten Dinge im Haus zu erledigen
– Zeit für Langeweile
– das Geld für die Streaming-Dienste lohnt sich richtig

Natürlich, ich könnte auch eine ebenso lange Liste mit negativen Aspekten erstellen. Das mache ich aber gezielt nicht. Nicht, weil ich die unschönen Aspekte der Situation verdränge, sondern weil ich mich aktiv auf die positiven konzentriere. Die negativen Aspekte finden ihren Raum alleine – darum mache ich mir keine Sorgen.

Wenn sie ihren Raum finden, dann kommt der Stress. Ob wir wollen oder nicht. Die körperliche Reaktion ist da. Wir sind angespannt, schwitzen, frieren, zittern, empfinden Angst oder Wut. Der Mund wir trocken, die Handflächen feucht. Physiologische Stressreaktionen setzen ein. Das ist erstmal nicht schlimmes, denn diese Reaktionen wollen uns, auch wenn sie sich nicht gut anfühlen, auf etwas hinweisen. Erst wenn die physiologischen Reaktionen anhalten oder situativ nicht angemessen sind, empfinden wir sie als Stress.

Auch hier sind wir nicht hilflos. Vielleicht im ersten Augenblick, ja. Dann aber können wir das Heft des Handelns wieder selber übernehmen. Das ist gar nicht schwer. Umso überraschender ist es, dass die Fähigkeiten, zum Umgang mit physiologischen Stressreaktionen, nicht schon im Kindergarten gelehrt werden. Kinder sind Meister darin sich in andere Welten zu katapultieren, aus fast nichts anderem besteht ihr Spiel schließlich. Diese Fähigkeit gilt es auszubauen und auch auf den Umgang mit Stress auszudehnen.
Meine Kinder zum Beispiel haben noch nie nein dazu gesagt, wenn ich ihnen, am Ende eines langen Tages, eine Phantasiereise anbiete.

Es gibt eine Vielzahl professioneller Entspannungsmethoden, um körperlichen Stressreaktionen zu begegnen. Dazu zählen die Progressive Muskelentspannung, Autogenes Training, Biofeedback-Verfahren, Imaginative Verfahren, und noch einiges anderes.
Für die Progressive Muskelentspannung gibt es einfache und gute Anleitungen bei Youtube, dort finden sich auch viele schöne Fantasiereisen die zur Entspannung einladen.
Noch einfacher als diese angeleiteten Verfahren ist es… zu atmen.
Versuchen Sie es mal in der nächsten Phase einer Stressreaktion: atmen sie ein und zählen dabei langsam bis vier. Dann atmen Sie aus und zählen dabei wieder langsam bis vier. Was passiert? Das weiß ich nicht. Die Wahrscheinlichkeit aber, dass Sie sich rasch entspannter fühlen ist groß. Sehr sogar.

Gewaltvolle Kommunikation

“Das und das ist falsch”, “Ich muss…”, “Du musst…”, “Ich bin schuld daran, dass…”, “Du bist schuld…”, “Boah, bist Du blöd.”, “Die verstehen das einfach nicht.”, “Manche Menschen sind so dumm.”

Unser Alltag ist geprägt von verletzender Sprache. Anderen Gegenüber, aber auch im Zwiegespräch mit uns selbst. Öffnen wir Facebook und Co. stolpern wir quasi sofort über gehässige Sprache, Anfeindungen und Hass.
Gerade jetzt, in der Corona-Lage, treffen unvereinbare Meinungen, Dogmen und Standpunkte aufeinander,

Können wir das ändern?

Nein. Die Kommunikation von anderen, gerade in den sozialen Medien, gehört den anderen. Niemand ist in der Lage einen anderen Menschen zu verändern.
Uns jedoch können wir verändern. Und bei der eigenen Kommunikation können wir sofort ansetzen, heute, jetzt. Wir brauchen dazu keine Kurse, keine Diäten, keine Bücher. Nur Achtsamkeit gegenüber unsere eigenen Kommunikation.

Michael B. Rosenberg, der Erfinder der Gewaltfreien Kommunikation (GFK), bietet dazu diese vier Schritte an.
(Im Folgenden nenne ich alle vier, werde aber im weiteren nur auf drei eingehen. Es soll in diesem Artikel schließlich nicht um einen Lehrgang in GFK gehen)

  1. Beobachten
  2. Fühlen
  3. Bedürfnisse benennen
  4. Eine Bitte formulieren

Zum Start reichen bereits die ersten drei Punkte. Es geht darum sich, oder sein Gegenüber, genau zu beobachten. Und zwar wertungsfrei. Nur beobachten was passiert, Fakten aufnehmen. Fertig. Im zweiten Schritt werden die ausgelösten Gefühle formuliert. Entweder gegenüber dem Gegenüber oder gegenüber sich selbst.

“Ich fühle mich ängstlich.”
“Ich bin wütend.”
“Ich fühle mich traurig.”
“Ich bin hilflos.”
“Ich bin enttäuscht.”
“Ich fühle mich unsicher.”

Achtung! Es geht darum echte Gefühle zu benennen, keine Stellvertreter-Gefühle wie

“Ich fühle mich übergangen.”
“Ich fühle mich angegriffen.”
oder
“Ich fühle mich über den Tisch gezogen.”

Im dritten Schritt werden die hinter dem Gefühl liegenden Bedürfnisse aufgedeckt und benannt. So entsteht ein Zugang zum Gegenüber oder zu zu selbst, und nicht nur das (schlechte) Gefühl wabert vor sich hin.
Bedürfnisse weisen auf einen Mangel hin, dem man dann aktiv begegnen kann. So unterstützt die gewaltfreie Kommunikation auch dabei, die eigene passive Rolle zu verlassen und für sich selber wieder aktiv werden zu können.

Zu verdeckten Bedürfnissen zählen zum Beispiel:

Schutz, Sicherheit, Verlässlichkeit, Selbstbestimmung, Mitbestimmung, Trauer, Ruhe, Rücksichtnahme, und so weiter.

(Versuchen Sie es mal und schreiben Sie Ihre persönlichen Erfahrungen, gern auch anonym, unten die die Kommentare!)

Corona wird erstmal bleiben und uns auch belasten. Aber: Lassen Sie uns Verantwortung übernehmen, für uns und unsere Umgebung. Lassen Sie uns die Massenmeinung Massenmeinung sein lassen. Der befreundete Wirt ruft zum Umsturz auf? Klar, ich wäre auch sauer, wenn meine Existenz gerade den Bach runtergehen würde. Ist seine Meinung aber zwangsläufig Ihre? Nein. Sie kann es sein, sie darf es sein, sie muss es aber nicht. Übernehmen Sie Verantwortung.

Seien Sie gut zu sich, auch wenn das gerade nicht im Trend liegt und die allgemeine Meinung sich dahingehend verzerrt, dass man mit der Gesamtsituation unzufrieden sein muss. Das können Sie sein. Müssen Sie aber nicht. Entscheiden sie sich selber – im Zweifelsfall für einen achtsamen und guten Umgang mit sich und Ihrer Umgebung.

1 Kommentar zu „Die zweite Welle, Zeit für Achtsamkeit – ein Eutopieversuch“

  1. Pingback: Warum es jetzt Zeit ist loszulaufen - Palmert-Ille

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