Generation Corona. Wat soll nur ausse Kinder werden?

Er, 25 Jahre alt, ist bei Freunden eingeladen und betritt die Wohnung zur exakten Einladungszeit. Es ist 20 Uhr, irgendwann im Jahr 2038. “Darf ich mal kurz ins Bad verschwinden?”, fragt er. Seine Gastgeber weisen ihm den Weg. Die Tür schließt sich hinter ihm. Kurze Zeit später hört man das Wasser des Wasserhahns laufen und eine Stimme sinkt zweimal hintereinander “Happy Birthday”. Die Tür öffnet sich, er tritt heraus…

So, oder ganz anders, könnte es sein wenn meine Kinder einmal groß sind. Handhygiene gehört zum Alltag. Kommt man irgendwo an: erstmal Hände waschen. Schließlich lernt eine ganze Generation das gerade. Und was wir in der Kindheit lernen, das verinnerlichen wir. Es wird zu unserer Normalität, unserem Alltag und ein Stück weit zu unserem Ich.

Eine ganze Kindergeneration wächst gerade in der Corona-Zeit auf. Je nach Alter beherrscht der Umgang mit der Pandemie einen recht hohen Prozentteil der Gesamtlebenszeit.
Bei mir ist es bisher etwa 1/39, nicht viel. Bei K2 schon fast 1/5, also 20% seines Lebens. Eine lange Zeit. Für viele Kinder ist die Corona-Situation Normalität, schon jetzt.

Was bedeutet das? Wie können wir als Eltern damit umgehen?

Ich denke, dass die Antwort sehr leicht ist. Und gleichzeitig ziemlich schwierig umzusetzen. Es geht darum die Normalität des Abnormen zu akzeptieren. Es geht darum die Situation anzunehmen und sie dadurch in den Hintergrund zu rücken.

Waren Sie mal im Hochsommer auf Malta, oder in Miami? Ich war es. Man steigt aus dem Flugzeit und will direkt wieder einsteigen. Wahlweise ist es brütend heiß und knochentrocken oder absurd heiß und so feucht, dass man vermutet bald Fische vorbeiziehen zu sehen. Es ist jenseits jeglicher mitteleuropäischer Normalität. Nach wenigen Tagen bemerkt man gar nicht mehr, dass etwas anders ist. Man genießt die Wärme am Wasser und die Tatsache, dass die Klamottenwahl sehr einfach ausfällt. Der Körper hat sich an die neue Umgebungsgegebenheit angepasst, alles ist gut.

Alternativ könnte man grummelnd in der Ecke sitzen und dauerhaft über die klimatischen Verhältnisse schimpfen. Man könnte kühle Räume suchen, finden und bei jedem Verlassen wieder über die Hitze schimpfen. Und am Ende unentspannt wieder nach Hause fahren.

Nein, es geht nicht darum Corona schön zu reden. Viele Maßnahmen nerven. Ich gebe zum Beispiel ständig falsche Beträge an der Supermarktkasse ab. Durch den masken-induzierten Brillennebel interpretiere ich den Wert von Kleingeld oft völlig falsch. Ich finde es ätzend bei schönem Wetter kein Außengastronomie-Heißgetränke zu mir nehmen zu können und bedaure mich jetzt schon für die weihnachtsmarktfreien Innenstädte der kommenden Wochen.

Aber: schlecht ist auch nicht alles. Et is wie es is. Nicht gut, nicht schlecht. Es ist normal. Neu-normal.

Und darauf kommt es meines Erachtens an. Kinder finden normal was ihre Eltern als normal definieren. Kinder sind da sehr flexibel.
“Mama und Papa fahren beide einen Ferrari und lästern dauerhaft über meine dummen Lehrer”… normal.
“Papa hat schon morgens um acht die ersten Pilsetten getankt und wenn ich was falsch mache dann gibt´s eine!”… normal.
“Ich habe drei Geschwister.”… normal
“Ich habe keine Geschwister.”… normal
“Meine Eltern sind Papa und Papa.”… normal
“Meine Eltern sind Mama und Mama.”… normal
“Meine Eltern sind Mama und Papa.”… normal
“Mein Bruder hat ein paar Chromosomen zu viel.”… normal

Normal ist das, was wir Kindern vorleben. Sie sind beim Bau ihrer Welt auf unseren Blick angewiesen und übernehmen ihn für lange Zeit. Sie profitieren von unseren Erfahrungen und unserem Wissen. Oder sie verlieren durch sie.
Normalität gibt Sicherheit. Unnormalität Unsicherheit.

Wer dauerhaft die Corona-Maßnahmen in den Fokus der eigenen Unsicherheit stellt und die Kinder mit der eigenen Kritik zumüllt, schafft unsichere Kinder. Kinder, die die Sorgen der Eltern teilen und die dauerhaft belastet sind.

Klar, es geht nicht darum so zu tun als sei alles so wie früher. Das ist es ja nicht. Jetzt ist es aber nicht besser oder schlechter als vorher, auch nicht anders. Es ist anders normal. Sprache und das daraus resultierend Verhalten kann Kindern helfen stark zu sein… auch in Anbetracht einer großen Pandemie.

Aber, eine Sache ist da noch. Etwas das ganz und gar nicht normal ist.

Wahrscheinlich seitdem es Menschen gibt, gibt es die Frage danach was gesund und was krank bedeutet. Wann ist ein Mensch gesund und wann krank?
Die Weltgesundheitsorganisation hat dazu 1946 diese Definition gefunden:

Die Gesundheit ist ein Zustand des vollständigen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlergehens und nicht nur das Fehlen von Krankheit oder Gebrechen.

Wer krank ist, ist also nicht in Vollbesitz seiner körperlichen und/oder geistigen Kräfte. Gilt das auch für einmaliges Husten nach dem Aufstehen oder einer durch Kälte entstandenen Triefnase? Bezieht die WHO-Definition auch mehrmaliges Räuspern mit ein oder einen kurzen Anflug von Unwohlsein?

Bis vor kurzem war es so, dass wir unsere Kinder krankschreiben lassen müssen, damit sie nicht in die Schule oder den Kindergarten gehen. Jetzt ist es andersrum.
Ich zum Beispiel werde jeden Morgen am Kindergarten nach potenziellen Symptomen von K2 gefragt. Ich muss mein Kind quasi jeden Tag aufs Neue gesundschreiben.

Das ist nicht normal.

Meine Kinder waren in den letzten Wochen mehrere Male zuhause. weil sie ein bisschen Schnupfen hatten. Entsprechend der gerade geltenden, sinnvollen Regeln blieben sie daheim. Nicht weil sie krank waren, sondern aus Rücksichtnahme.
Selbstverständlich waren diese Tage im Haus auch nicht sonderlich actiongeladen – Ausruhtage. All das führte bei meinen Kindern mehrmals zu der Frage wann sie wieder gesund seien.

Puh.

Hier entsteht, in meinen Augen, eine Schieflage. Kinder haben irgendein sehr leichtes Symptom, sind nicht krank, jedoch werden sie drinnen belassen.
Entsteht hier eine Generation mit einem ziemlich schrägen Verständnis von Gesundheit und Krankheit? Bleibt man 2038 auch der Arbeit fern, weil man leicht angeschlagen will und andere schützen möchte?

Ich weiß es nicht. Mir ist es aber wichtig mit meinen Kindern darüber zu sprechen warum wir uns verhalten wie wir uns verhalten. Ich möchte Ihnen ein gesundes Verständnis von Gesundheit mitgeben und vermeiden, dass sie dauerhaft Ängste gegen Erreger entwickeln deren Dynamik schon für mich sehr schwer zu verstehen sind.

Bleiben wir normal. Auch wenn´s neu ist.

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