Hypnotische Sprache im Umgang mit Kindern

4 Uhr 30. Mein Sohn steht an meinem Bett. “Ich habe Angst!”
Es ist halb fünf und mir drängen sich impulsiv zwei Lösungsansätze auf.

  1. Ich lass ihn in mein Bett kriechen
  2. Ich rede ihm die Angst aus, relativiere sie und verfrachte ihn, leicht genervt vom Schlafentzug, in sein Bett zurück.

Beide sind sicherlich nicht grundlegend falsch und situativ geht es manchmal nicht anders. Eine langfristige Tragfähigkeiten bieten beide jedoch nicht.

Variante eins suggeriert Nähe, Zuwendung und Geborgenheit und ist in den ersten Lebensjahren sicherlich der richtige Weg. Ich selber bin kein großer Freund davon Kinder allzu früh “auszulagern”. Das möge jedoch jeder für sich selber entscheiden.

Variante zwei ist egoistisch. Und auch das kann und muss mal sein. Doch sie geht nicht auf das Kind ein, sondern auf die Wünsche und Bedürfnisse des Erwachsenen. Es geht nicht wirklich um eine Lösung mit der den aktuellen Ängsten des Kindes begegnet wird, sondern darum, die Schlafsituation möglichst rasch wiederherzustellen. “Nein, alles gut. Lass halt das Licht an. BlaBla… Schlaf jetzt, es ist mitten in der Nacht!”.

Es gibt aber auch eine andere Möglichkeit. Sie bietet Nähe, Zuwendung und Geborgenheit und stärkt das Kind gleichzeitig in seinem oder ihrem Selbstbewusstsein.

Hypnotische Sprache.

Nein, das hat nichts damit zu tun das Kind willenlos zu machen oder entsprechend einer Showhypnose zu irgendwelchen Sachen zu bewegen, die es gar nicht mitbekommt oder eigentlich vielleicht gar nicht will. Vielmehr geht es darum einen Trancezustand herzustellen. Auch das ist nichts alt-indianisches, sondern ein positiver Zustand tiefer Entspannung.

Wie oben genannt braucht man dazu weder die Augen der Schlange Kaa aus dem Dschungelbuch, noch alttestermentarische Drogen.
Es genügt: die eigene Sprache und Stimme.

Hypnotische Sprache benutzt Sprachmuster, die sich an der rational-sachlichen Verarbeitung des Empfängers verbeischlängelt (… doch ein bisschen Kaa also) und daher unterbewusst/emotional wirkt. Praktisch bedeutet es, möglichst vage in den eigenen Aussagen zu bleiben. Warum? Um beim Empfänger keine Abwehr des Gesagten auszulösen. Es geht darum einen guten Kontakt herzustellen und Sprache zu benutzen, die das Gegenüber in seinen Vorstellungen leiten kann. Vorstellungen beruhen im wesentlichen auf vielen einzelnen Informationen, die miteinander verknüpft werden. Hier setzt die hypnotische Sprache an und unterstützt dabei eine favorisierte Vorstellung in den Vordergrund zu stellen. Die Welt ändert sich dadurch nicht, das Kinderzimmer bleibt dunkel, jedoch die Bewertung ändert sich und somit der Blick auf die Dinge.
Ganz konkret kann das heißen: der Schatten an der Wand sieht nicht mehr aus wie ein Monster, er sieht einfach wieder aus wie ein Schatten oder spielt gar keine Rolle mehr.

Wie funktioniert das?
Das in aller Kürze zu beschreiben wäre falsch und Blödsinn, denn es handelt sich um ein sehr weitreichendes Thema mit dem man ganze Regalwände an Literatur füllen kann. Im Wesentlichen geht es um darum Wörter zu benutzen, die stärken und das implementieren was dem Empfänger gut tun könnte.

– Und während Du das hier liest, weißt Du, dass dieser Text sehr wertvoll für Dich sein könnte…
– Während Du Deine Matratze spürst, kannst Du Dich mehr und mehr entspannen…
– Dass Du die Augen schließt zeigt, dass Du ruhig bist…
– Es ist Nacht und es ist richtig, dass Du nun die Ruhe findest die Dir gut tut…

Ich könnte noch unzählige Beispiele aufschreiben und die grammatikalischen Hintergründe erläutern. Wer mehr wissen will wird sich von alleine weiter informieren.

Wichtig zu wissen ist, dass es darum geht darüber nachzudenken was der Empfänger meiner Worte braucht und sprachlich alles zu vermeiden was er oder sie nicht braucht.

Ist das manipulativ?

Ja. Klar. Denn Sprache bedeutet immer Manipulation.

Ein Alltagsbeispiel:
Sie sind totmüde. Beim Betreten des Büros am Morgen rufen Sie den KollegInnen ein fröhliches “Guten Morgen” entgegen. Manipulation! Denn Sie möchten positiv behandelt werden.

Das abendliche Ritual in vielen Familien vor dem zu Bett gehen ist ebenfalls hoch manipulativ – ohne dass es jemals jemand als negativ bezeichnen würde.
Die Kinder werden ins Bett gelegt und Geschichten vorgelesen. Dabei wird eine ruhige Stimmung hergestellt, alle unnötigen Lichtquellen gelöscht. Die vorgelesene Geschichte ist ruhig und stammt vielleicht sogar aus einem speziellen Gute-Nacht-Geschichten Buch. Es gibt keinen Platz mehr für Unruhe oder angstmachende Geschichten. Im Grunde führen Eltern ihre Kinder Abend für Abend in eine Form der Trance. Und freuen sich wenn die Manipulation ihre Wirkung entfaltet: Die Blagen pennen!

Werden wir konkret:

Ein Beispiel für eine Trance, am Beispiel der Situation oben: Kind steht nachts am Elternbett und sagt, dass es Angst habe.

Du hast Angst? Ja, das kommt schon mal vor. Geht mir auch so, das ist ganz normal. Fühlt sich aber gerade doof an, das weiß ich. Ich komm mal mit zu Dir.

Wir gehen zum Bett des Kindes. Ich decke es zu und setze mich auf den Bettrand. Nach meiner Erfahrung bringt es nichts in diesen Momenten über die konkrete Angst des Kindes zu sprechen. Zum einen ist kindliche Angst oft ungerichtet und das Kind kann gar nicht genau sagen warum es Angst hat. Zum anderen bringt die Frage das Kind dazu sich in seine Angst zu vertiefen um sie den Eltern beschreiben zu können. Es droht, dass die Angst, die gerade vielleicht schon wieder abgeflaut ist, wieder neu entfacht wird.

Ich bin jetzt bei Dir und bleibe auch erstmal hier. Ich gehe erst in mein Bett zurück wenn Du wieder schläfst oder gerne hier bleibst. Du bist hier absolut sicher und geschützt. Wenn Du magst, dann kannst Du jetzt Deine Augen zumachen. Wie Du es möchtest. Vielleicht spürst Du jetzt die schützende Wärme Deines Bettes. Schau Dich, in Gedanken oder in echt, im Zimmer um. Während Du das tust weißt Du, dass hier alles ok ist. Hier ist ein Raum den Du gerne magst, ein Raum der sicher ist. Du merkst, wie diese Sicherheit und schützende Gemütlichkeit Dich umgibt und wie gut sie Dir tut. Vielleicht merkst Du jetzt wie entspannt Du bist und wie müde Du bist. Du genießt diese Entspannung, sie tut Dir gut. Es ist Deine Entspannung, Du kannst sie für Dich nutzen.

Oft reicht diese kurze Intervention schon aus und das Kind schläft wieder. Wenn nicht bleibe ich einfach dabei und wiederhole Teile des oben Gesagten.
Es wirkt.

Hypnotische Sprache wirkt deeskalierend und schafft Vertrauen. Neben der oben beschriebenen Situation hilft sie bei vielen Situationen die Kindern Angst bereiten können. Und das ohne dass wir als Eltern in die lästige und von Kindern wenig geliebte Ratschlaggeberrolle abdriften müssen. Daneben beruhigt die Konzentration auf die eigenen Worte und die eigene Sprache auch den Sender. Die eigene Stimme passt sich den Worten an und es entsteht ein Wohlfühl-Kreislauf für alle.

Probiert es mal aus. Im schlimmsten Falle liegt das Kind hinterher bei Euch im Bett oder ihr redet ihm genervt die Angst aus, um endlich wieder schlafen zu können.

Vielleicht werde ich zu dem Thema noch weitere Artikel schreiben. Was meint Ihr?

1 Kommentar zu „Hypnotische Sprache im Umgang mit Kindern“

Kommentar verfassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.