Sterben und Trauern. Corona-Style. Teil I

Sie möchte nicht alleine sein. Jetzt, da ihr Mann in den nächsten Minuten oder Stunden sterben wird. Wir sitzen am Pflegebett im Wohnzimmer, hören Musik und unterhalten uns. Ich bleibe bei ihr. 
Irgendwann, nach etwas mehr als einer Stunde, atmet er noch einmal. Wir müssen nichts sagen. Sie versteht es. Er ist gegangen. 
Ich bleibe noch da. Wir besprechen was jetzt zu tun ist – und was nicht. Dann verabschiede ich mich. 


Im Kreise der Familie zu sterben ist zu jeder Zeit nicht selbstverständlich, fast ein Privileg. Wir haben schon vor langer Zeit damit angefangen den Tod outzusourcen. Es ist in den letzten Jahren normal geworden, dass Menschen nicht zuhause sterben. Das hat vielfältige Gründe. Und die sollen hier heute kein Thema sein.
Meist ist der Ort des Sterbens eine aktive Entscheidung einer der betroffenen oder involvierten Beteiligten. Patienten gehen ins Hospiz, Angehörige lassen ihre Verwandten im Heim betreuen und Ärztinnen und Ärzte weisen schwerkranke Menschen ins Krankenhaus ein.

Seit einem knappen Jahr ist es anders. Die äußeren Einflüsse, politische Entscheidungen und die Gegebenheiten nehmen Entscheidungen ab. Mittlerweile kennen wir alle Geschichten von Menschen, die einsam gestorben sind, weil der Infektionsschutz nichts anderes zugelassen hat. Jeder von uns scheut auch weniger dramatische Krankenhausbesuche – aus Angst vor Ansteckung und vor der Einsamkeit.

Der Tod in Zeiten einer Pandemie hat zwei Seiten. Die des Sterbenden, der medizinisch häufig gut betreut wird, jedoch auf seine Angehörigen verzichten muss.
Diese Seite ist mittlerweile – auch medial – gut beleuchtet und es hat bereits ein kleines Umdenken stattgefunden.

Die zweite Seite

Da ist aber auch die Seite der trauernden Angehörigen. Kinder, Enkel, Freunde, Ehemänner und Lebensgefährtinnen. Menschen, die Menschen verlieren, deren Tod vielleicht nicht dramatisch ist. Vielleicht war er schon seit Wochen, Monaten oder Jahren absehbar. Die Oma stirbt mit 92 Jahren. Der Ehemann stirbt nach einer langen Krankheit. Die gute Freundin im Altenheim verabschiedet sich.

Alles traurig. Aber alles planbar. So läuft das Leben. Normalerweise.

Seit einem knappen Jahr jedoch hinterlassen augenscheinlich normale Todesfälle nicht normale Abschieds- und Trauersituationen.
Oftmals können sich Angehörige und Freunde vom Sterbenden nicht verabschieden. Es findet kein Prozess statt, der es ermöglicht den drohenden Verlust zu verarbeiten und zu integrieren. Der Mensch ist da. Dann ist er weg. Dazwischen ist nichts.

Ich vergleiche das oft mit einer Schwangerschaft und einer Geburt. Viele Menschen, auch angehende Väter, haben Angst vor der Geburt. Manche Frau schließt es in jungen Jahren kategorisch aus Mutter zu werden – sie kann sich eine Geburt nicht vorstellen.
Doch die kommt ja nicht einfach so. Davor gibt es die Phase der Schwangerschaft, der Bauch wächst, die Hormone stellen sich um, der Körper verändert sich. Irgendwann ist der Bauch groß und lästig. Viele Frauen wünschen sich dann, dass doch die Geburt nun endlich kommen möge.
Der Prozess leitet hin. Und am Ende ist es sehr schmerzhaft, aber gar nicht so schlimm.

Ähnlich ist es auch mit dem Tod. Wenn er nicht plötzlich und überraschend kommt, dann ist er ein Prozess. Er kündigt sich an. Auch hier verändert sich der Körper des Sterbenden. Alles leitet auf das Lebensende hin. Dieser Prozess macht nichts gut, hilft Sterbenden und Angehörigen aber oftmals das anzunehmen was folgen wird. Am Ende ist es sehr schmerzhaft und traurig, jedoch nicht traumatisch.

Corona verändert das. Der Prozess fällt weg. So, als würde man sich um 18 Uhr zum ersten Date verabreden, und am nächsten Morgen um 06.00 Uhr ist das erste Kind da. Undenkbar. Will keiner.

Auch nach dem Sterben gibt es zur Zeit wenig Platz für Rituale und Hilfen. Beerdigungen finden im sehr kleinen Kreis statt. Das oftmals hilfreiche Essen danach fällt ganz aus.
Trauergruppen und andere Hilfsangebote finden nicht statt.

Viele Menschen, die gerade Angehörige verlieren, sprechen nicht über ihre Situation. Die Mutter war ja alt, was soll man da ein großes Fass aufmachen. Ist ja kein Drama.

Doch.

Das ist es. Denn wer keinen Abschied finden kann, ist in einer Schleife gefangen, die ihn oder sie nicht abschließen lässt. Und das ist die theoretische Beschreibung eines Traumas.

Wir müssen anfangen Menschen, die Menschen verlieren anders wahrzunehmen und zu unterstützen. Wir müssen neue Angebote schaffen, wenn die alten gerade nicht machbar und möglich sind. Wir steuern auf eine Situation zu, in der Menschen traumatisiert zurückbleiben, nachdem eine Situation eingetreten in, die wir in nicht-pendemischen Zeiten gut auffangen können und für die wir lange eingeübte Rituatle und Angebote bereithalten. Eigentlich.
Aber gerade ist nicht eigentlich und wir müssen handeln.

Wie?

Dazu mehr im nächsten Artikel.

Kommentar verfassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.