Glückseligkeit gibt es nicht (in der Bahnhofsbuchhandlung)

Waren Sie zuletzt mal in der Bahnhofsbuchhandlung Ihres Vertrauens? Dann sind Sie wahrscheinlich licht- und glücksdurchflutet aus ihr zurückgekehrt.
Anders geht es nämlich gar nicht. Denn das Angebot an Magazinen zu den Themen Achtsamkeit, Glauben, Fühlen, Spiritualität, Entschleunigung, gutes Leben, tralala drängt andere Interessengebiete zusehens in die hinteren Ecken.

Wahlweise werden diese Themen dann noch gemischt. Etwa mit den Themen Wohnen, Leben, Einrichten, draußen sein, Schmuck, Do-it-yourself usw. usw.

Selbstoptimierungsmagazine die alle eines predigen: sei Du selbst.

Ich kann mich gegen diesen Trend auch nicht komplett zur Wehr setzen. Ich stöbere immer wieder durch diese Magazine und kriege dabei kanllhart vor Augen geführt was ich alles nicht mache. Schon wieder eine Woche, in der ich nicht auf einem selbstgebastelten Floß einen Fluss hinuntergefahren bin. Erneut eine Woche ohne innere Einkehr an einem abgelegenen Ort dieser Welt. Wieder nicht mit dem Bulli und der gesamten Familie eine Weltreise gemacht. Wieder keine heilenden Mantren vor mich hingemurmelt. Wieder nur stiefkindlich das Glückstagebuch geführt.

Das stresst mich. Es stresst mich, dass ich mich nicht gestresst fühle und dabei doch so wenig gegen meinen Stress unternehme. Dabei gäbe es doch so viel was ich tun könnte. Was ist los mit mir?

Es ist gut, dass wir in einer Zeit leben, in der wir Gefühle, Emotionen und Bedürfnisse einzelner in den Vordergrund rücken. Es ist gut, dass unser mechanistisches Weltbild langsam weicht und man in immer weniger Bereichen unserer Gesellschaft nur funktionieren muss.
Es ist gut, dass man trauern darf. Es ist gut, dass man Schwächen zeigen darf und dafür nicht automatisch als schwach dargestellt wird. Es ist gut, dass wir unseren Kindern wieder die Vorteile einer gesunden Umwelt aufzeigen und sie lehren sich der Natur zu nähern.

Parallel dazu entwickelt sich eine immer lauter werdende gesellschaftliche Forderung: sei glücklich. Wenn nicht, machst Du was falsch!

Ja, im Durchschnitt geht es uns – hier in Deutschland – ziemlich gut. Und in meinem Umfeld geht es den meisten Menschen wirklich gut. Zumindest bezogen auf die wirtschaftlichen Gegebenheiten. Wir haben viele Gründe dafür dankbar zu sein.

Das reicht aber nicht.

Laut Bahnhofsshopliteratur ist es nun unsere Pflicht den Weg der spirituellen Selbstoptimierung zu gehen. Ohne größeren Aufwand, es geht nicht darum in die Tiefe zu gehen, aber etwas Hang zur Selbstbeschäftigung mit der inneren Selbstoptimierung wird schon vorausgesetzt.

Was macht das mit uns?

Ob wir es wollen oder nicht: wir sind Herdentiere. Unsere individuellen Fähigkeiten sind nicht unser evolutionärer Vorteil. In der Menge sind wir stark.
Und so gehen Trends nicht spurlos an uns vorbei. Irgendwie wollen wir doch immer dazugehören.
Alle sind glücklich, draußen, zufrieden, spirituell und ich nicht. Was läuft da falsch bei mir?

Die Antwort ist simpel: Nichts. Trotzdem fühlt es sich anders an, denn gefühlt wird von uns erwartet, dass wir alle als Hippie im Naturgarten hinter dem eigenen Holzhaus leben, dabei alles im Griff haben, ökologisch optimal unseren Alltag gestalten, dabei ganz bei uns sind und nebenbei die wohlerzogenen Lausbuben und Mädchen glücklich gedeihen lassen.

Geht nicht. Gibt es!

Ein solches Bild ist purer Stress.
Anders als in den 1990ern, als die Baywatch-Boys und Girls unser Bild von einem perfekten Dasein definierten, muss man heute nicht nur schlank und sexy, sondern auch noch ausgeglichen und Happi sein, sich slow ernähren und seine Gedanken quasi dauerhaft zu Tagebuch bringen.

All das sind kluge, vernünftige Ansätze. Wenn man sie einzeln betrachtet und sich Zeit für sie nimmt. Wochen, Monate oder Jahre. Denn so lange dauert es Meditation, Achtsamkeit, Stricken, Bootsbau, Weltreisen oder gesundes Kochen zu erlernen und zu praktizieren.

Achtsamkeit bedeutet Achtsam zu sein, auf sich und seine Umgebung zu achten. Achtsamkeit bedeutet nicht sich und seine Umgebung zu optimieren.
Glücklich ist, wer sich selber eingesteht auch mal unglücklich – scheiße drauf – zu sein, wer Ängste zulässt und dabei gleichzeitig das Selbstvertrauen hat sie auszuhalten.

Selbstoptimierung ist Selbstausbeutung und bunte Mindstyle-Magazine auf Ökopapier das Gegenteil vom Weg zu sich selbst.
(Zitat im Text, wirkt irgendwie klug)
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Was können Sie also Gutes für sich tun?
Nichts.

Setzen Sie sich einfach mal in ihren Garten, auf Ihren Balkon, auf Ihr Bett oder Ihr Sofa. Schauen Sie sich um. Wofür sind sie dankbar? Was läuft gerade gut?
Dann gehen Sie in den Wald uns suchen sich einen schönen Stock.

Oder sie machen etwas ganz anderes. Denn Sie brauchen keine Tipps von anderen. Auch nicht vom Autor eines x-beliebigen Blogs wie diesem hier.

Sie wissen was gut für Sie ist.

Namasté

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