Stand-up, los geht’s / KW1

Das Jahr beginnt!

Euch allen ein frohes neues Palmert-Ille.de-Jahr.

Meinem letzten Blog-Artikel haben Sie es bereits entnommen. Ich werde mich einer weiteren Herausforderung stellen und versuchen, irgendwann im Jahr 2019, einen Auftritt als Stand-up Komödiant zu organisieren. Mal sehen. Aus dem Vorzutragenden mache ich ein Open Source-Projekt, denn ich werden meine rohen, geschriebenen Texte hier immer mal wieder veröffentlichen. Das hat zwei Vorteile. Zum einen entsteht so ein Text für den Blog, zum anderer archiviere ich meine Comedy-Texte sinnvoll. Und drittens bekomme ich von Ihnen bereits eine Rückmeldung, bevor ich die Bühne überhaupt zum ersten Mal betreten habe. Eine Win-Win-Win-Situation.

Los geht’s!

Wisst Ihr was das Schwerste an Stand-up Comedy ist? Übergänge. Früher haben sich Leute einfach hingestellt und Witze erzählt. Heute muss es so klingen als sei alles eine einzig lange, wahre Geschichte… das ist natürlich Schwachsinn. Deshalb werde ich oft „Apropos“ sagen. Apropos gibt jedem sinnlosen Geistessprung zumindest die Anmutung, dass man sich in einer sinnvollen Zeitlinie bewegt. Sie wissen jetzt: ne, das wusste er einfach nicht weiter.

Aber gut, ich hab ja Zeit, hab nichts zu tun. Ich bin ja Papa von zwei Kindern und Hausmann. Den ganzen Tag nichts zu tun. Und Vormittags noch weniger. Da sind die Kinder ja im Kindergarten.

Apropos Kindergarten. Mein Kleiner, 3, kam letztens aus dem Kindergarten zurück. Es muss ein besonders schöner Tag dort gewesen sein. Zumindest vermute ich das. Nachdem wir wieder daheim waren sang er aus voller Kehle, immer wieder: „Bücken, lecken, runtrum drehn. Viermal klatschen…“ Aha, das machen die also da. Mein Sohn lebt meinen Traum. Alles gut.

Überhaupt Kindergarten. Es wird ja viel davon gesprochen, dass bestimmte Jobs besser bezahlt werden müssten. Darunter KindergärtnerInnen. Mal ehrlich: die spielen 8 Stunden am Tag mit Kindern zwischen 1 und 6. DIE SPIELEN DEN GANZEN TAG mit Kindern.

Scheiße ja, die sollten mehr verdienen. Mehr als alle anderen… zusammen! Haben Sie sich schon mal acht Stunden lang mit Menschen umgeben, die weder Lesen noch Schreiben können? Und die kein Fernsehen gucken dürfen!

Ja, wenn Sie schon mal den ÖPNV genutzt haben. Aber das starren wenigstens alle auf ihr Handy. Die Analphabeten im Kindergarten nicht.

Ich habe es schon erlebt. Die acht Stunden mit einer Gruppe Kinder. Man nennt es Kindergeburtstag. Gut, das sind meist nur 4 Stunden. Die fühlen sich aber an wie acht…zehn.

„Das Leben ist kein Kindergeburtstag“. Zum Glück. Das könnte niemand aushalten.

Zu meiner Zeit haben sich Looser dadurch ausgezeichnet, dass sie sich am Schulkiosk mit Süßigkeiten eingedeckt haben. Früher konnte man das noch. Ringlis, Kinderriegel. Hauptsache viel Kalorien für wenig Geld. Wir hatten ja nichts… also keine Unverträglichkeiten gegen alles und jeden.

Die mit Süßigkeiten vollbeladenen Looser haben ihre Beute dann an die anderen verteilt. Quasi eine naive Vorstufe der Prostitution. Ich geb Dir was, dafür bist Du kurz nett zu mir. Traurigerweise hätten die meisten Looser selbst auf dem Straßenstrich – das ist eine andere Geschichte.

Schnitt. Ein Kindergeburtstag heute. Am Ende des Kindergeburtstages überschüttet man seine „Freunde“ mit Geschenken. Mamas nähen Beutel, die dann mit allerlei Unnütz gefüllt werden. Manchmal sogar mit Lego oder anderem Zeug, das wirklich etwas kostet.

Man beschenkt seine Freunde also dafür, dass sie das waren. Merkten Sie was…!? Lassen Sie das mal wirken… Nicht weit weg von Schulhof-Looser. Oder!?

Wann waren Sie zuletzt bei Freunden, sagen wir zum Abendessen eingeladen und wurden anschließend, beim Gehen, mit einem Beutelchen verabschiedet. Darin: eine Pulle Champus, ne Breitling. Gab´s nicht in letzter Zeit, oder!?

Was ist der Unterschied zwischen Leuten mit Kindern und ohne? Leute ohne Kinder haben keine

Kinder! „Aber ich arbeite auch hart und leite nach Feierabend noch drei Yogakurse!“

Ja, und danach legst Du Dich auf die scheiß Couch und guckst Netflix. Ich spiele noch 12 Runden Uno. Und ich hasse Kartenspiele. Ich habe in meinem gesamten Vor-den-Kindern-Leben sieben Minuten Brett- oder Kartenspiele gespielt. Weil ich sie hasse. Dann wurde ich Papa. Jetzt habe ich schon oft eine Stunde Karten gespielt bevor überhaupt die Sonne aufgeht.

Ich brauche kein Yoga. Ich kann auch Zuhause keinen Spaß haben.

Wobei. Mit den Kindern macht es mir eigentlich Spaß. Aber mit anderen Erwachsenen… nee, das geht immer noch nicht. Die Frage ist ja eigentlich auch eine andere. Nämlich: Warum spielen Erwachsene überhaupt Spiele, wenn keine Kinder in der Nähe sind. Haben die keinen Alkohol? Oder Geschlechtsteile?

Apropos Yoga. Waren Sie in der letzten Zeit mal in einer Bahnhofsbuchhandlung? Da kann man es sehen: die Kirche hat es verkackt!

Oder wie erklären Sie sich die 286 Publikationen zum Thema Good Life, Hygge und Spiritualität? Lebenshilfe auf Groschenroman-Niveau. Aber geil gelayoutet!

Dabei sollte es der Kirche eigentlich gut gehen. Alte, weiße Männer regieren die Welt. Noch immer, trotz #metoo und Co. Donald Trump wird nächstes Jahr wiedergewählt. Keine Sorge!

Es gab ja mal eine mächtige Frau in der Kirche. Also im Appendix der richtigen Kirche, in der evangelischen. Die hat dann aber ein Glas Wein getrunken und ist von allen Ämtern zurückgetreten. In vorauseilendem Gehorsam gegenüber dem Boulevard.

Da sieht man Unterschied zwischen Mann und Frau.

Frau: „Oh, ich hatte ein Glas Wein. Ich beende meine Karriere!“

Mann: „Oh, ich hatte 16 Knaben. Macht mich zum Papst. I´m too big to fail!“

Birder unter sich / KW52

Meine Freundin ist sehr tierlieb. Wenn sie eine Winkelspinne sichtet, greift sie zum Glas und stülpt es liebevoll über das verwunderte Tier. Und dann setzt sie es liebevoll an die frische Luft. Sie ist auch schon immer gerne in den Zoo gegangen, um sich dort rumtigernde Tiger, gemütliche Riesenschildkröten und echte Been-too-Wrongs anzusehen, die auf Deutsch viel zu falsch Binturongs heißen. Im Zoo hat sie sogar einmal ein Praktikum gemacht – im Vogel-Department. Futter mischen, Volieren ausmisten, Federn lesen – solche Dinge.

Dann aber hat sie sich plötzlich eine neue Spiegelreflexkamera gekauft und ist schnurstracks aus dem geschützten Raum des heimischen Zoos in die weite Welt hinaus gelaufen. Seither fotografiert sie Vögel, die sich ihr Futter selber suchen müssen und hinter denen niemand herfegt. Sie lichtet nun faule süddeutsche Rotmilane mitten im Winter ab, hält diebische Rabenkrähen für die Ewigkeit fest, die sich ein Frühstücksei stibitzt haben, und entdeckt glänzende Kostbarkeiten wie Goldammern in der Streuobstwiese, Pfeifenten aus Kamtschatka und Wintergoldhähnchen, die aufgeregt die gefrorenen Früchte eines Busches naschen.

Sie ist so gut wie immer draußen, und ich trabe hinterher. Manchmal sehe ich ein gefiedertes Etwas, bevor sie es entdecken konnte, und habe damit meine eheliche Pflicht für diesen Tag maßvoll erfüllt.

Diese Woche waren wir im Rheindelta. Davon gibt es ja zwei: eines in den Niederlanden und eines zwischen Österreich und der Schweiz, wo der Alpenrhein in den Bodensee fließt und diesen langsam, aber unerbittlich mit Kies und Sand aus dem Hochgebirge zuschüttet. Der Rhein ist dort kanalisiert und die Deiche führen mehrere Kilometer in den Bodensee hinein. So werden die Ortschaften im Rheindelta vor Überschwemmungen geschützt. Links und rechts der beiden Rheindämme wimmelt es von Enten, Gänsen und Sägern. Also waren wir da auch. Es war kalt und feucht und trüb und ich fror, so mitten im Gebirge. Meine Freundin spürte davon nichts, sie jubelte und war ganz erhitzt vor Freude, weil sie gleich einen seltenen Zwergsäger entdeckt hatte.

Hinter uns standen eine Frau und ein Mann aus der Schweiz mit ihren Ferngläsern und suchten ebenfalls die Lagune ab, die neben dem Rheindamm gebildet wurde. Die Frau und meine Freundin verstanden sich sofort: Sie war ebenfalls seit einiger Zeit Birderin und führte Buch über ihre Sichtungen. Ihr Mann und ich verstanden uns ebenfalls sofort: Er war ebenfalls seit einiger Zeit die Person, die seiner Frau beim Bird Watching hinterhertrabte und hin und wieder ein gefiedertes Etwas entdecken kann, bevor seine Frau es wahrnimmt.

Wir waren also Paradebeispiel für die kulturelle Ähnlichkeit deutscher und schweizerischer Paare. Und wir bestätigten alle geschlechtsspezifischen Vorurteile: Während die beiden Frauen sofort einen tollen Draht zueinander hatten, mitten im Bodensee ein luftiges und federndes Thema fanden und sich angeregt über ihre bisherigen gefiederten Bekanntschaften an den unterschiedlichsten Orten austauschten, brummten wir Männer uns gegenseitig verständnisvoll kopfschüttelnd zu und starrten ins Leere.

Er fror ebenfalls. Seine Frau nicht – sie kramte aus ihrem Rucksack Bestimmungsbücher hervor, schrieb mit einem Bleistift in ein Sichtungsbuch, begutachtete die Fotos meiner ebenfalls völlig kälteresistenten Freundin und erzählte von Prachttauchern am Westufer und Zwergschwänen auf dem Untersee. Das Tinder der Naturfreunde.

Wir sind da natürlich hingefahren und haben die Kostbarkeiten gesucht. Beziehungsweise: Ich bin gefahren und im Auto sitzen geblieben, meine Freundin hat das Federvieh gesucht. Man tut ja alles für eine harmonische Beziehung, darf sich aber auch nicht erkälten. Wer niest, scheucht die Vögel auf. Und das ist weder gut für deren Winter-Gesundheit, an der meiner Freundin sehr gelegen ist, noch gut für scharfe Bestimmungsbilder, an denen der Birder-Community sehr gelegen ist. Also tue ich, was ich am besten kann: Ich schalte die Sitzheizung auf Stufe drei und sehe aus sicherer Entfernung meiner Freundin beim Bird Watching zu. Kein Vogel wird von einem plötzlichen lauten Männerniesen aufgeschreckt, und die Sitzheizung amortisiert sich. Win-Win…

Noch‘n Gedicht / KW52

Noch furchtbarer als Hape Kerkeling-Zitierer sind übrigens Heinz Erhard-Erwähner. Aber das ist eine andere Geschichte…

Niemand hat gesagt, dass ein Gedicht nicht auch als Textbeitrag gilt. Oder!?

Also, hier mein erstes jemals geschriebenes (und somit auch veröffentlichtes) Gedicht. Es geht so:

Da draußen vor dem Tor,

da steht ein alter Baum, ne Eiche.

Ich hau sie um, den Lukas

Dann ist’s wieder warm. Im Raum.

Die Mauern blähn sich auf.

Ein Sturm zieht herauf.

Die Zeit, die uns gewährt

ist schnell vorbei, oh Mann.

Falls Sie es nicht so gut finden: es liegt entweder an Ihrem mangelnden Verständnis für Lyrik oder, auch mangelnd, an Ihrem Intellekt!

Gut, auf diese Weise kriegt man jedes Problem in den Griff! Einfach auf die anderen schieben. Wir Hobby-Germanisten nennen es einen Donaldtrumpismus.

Ich will Sie aber nicht aus diesem Text entlassen ohne einen Ausblick auf das was kommt. Ohne einen genialen Cliffhanger, der mir garantiert, dass Sie auch demnächst weiterlesen.

Hier kommt er. Der Ausblick. Der geniale Cliffhanger.

In der kommenden Woche werde ich Ihnen, genauso wie heute, eine Weltpremiere präsentieren: Meinen ersten Stand-up Comedy Text. Open Source quasi. Ich habe mir überlegt, dass, wenn ich jetzt schon schreiben muss, dann kann doch auch mal ein Skript für mein erstes Stand-up Programm daraus resultieren, bzw. darunter sein. Warum nicht!?

Und vielleicht findet sich ja sogar der Betreiber irgendeiner kleinen, nichtssagenden, unbekannten Bühne und gibt mir die Chance sein überschaubares Publikum mit meinen Peinlichkeiten nicht zu belustigen. Das wird dann ein für alle peinlicher und langweiliger Abend. Aber wir werden Spaß haben.

Seien Sie also gespannt!

Jetzt aber erstmal: schöne Weihnachten und vor allem Friede, Freude, Entspannung und Spaß.

Danke!

Kurze Wege

Natürlich ist die Bahn ein tolles Unternehmen. Im Winter ist hin und wieder  geheizt, es gibt bei größeren Verspätungen ein klein wenig Schmerzensgeld zurück, wenn man den Papierkram überlebt, und manchmal kommt man tatsächlich entspannt am Zielort an. Was will Pendler eigentlich mehr?

Ich pendele die nächsten Wochen vom schönen Heidelberg ins schöne Nürnberg. Und steige gerne in die Bahn. Man kann ein wenig wegdösen, wenn die Landschaft draußen dazu einlädt. Man kann sich einen Kaffee gönnen während der Fahrt und dann trotzdem wegschlummern. Und man kann sich die Welt von der Seite aus anschauen, was ein großer Vorteil der Bahn gegenüber einem Auto ist. 

Ich war kürzlich in München. 

Natürlich wollte ich da nicht hin. Aber in der Bahnlogik war das der einzige Weg von meiner schönen Heimatstadt am Neckar den Fluss runter nach Stuttgart (da wollte ich auch nicht hin) und dann das Filstal hoch Richtung Ulm zur Donau. Und weiter über den Lech zur Isar in die bayerische Landeshauptstadt, weil dort ein Zug wartet, der mich dann nach Nürnberg bringt, wo ja der Rhein-Main-Donaukanal Rotterdam mit dem Schwarzen Meer verbindet. Mir standen alle Wege offen! 

Denn so kann die Bahn ihre tollen Schnellfahrstrecken präsentieren. Von Mannheim nach Stuttgart in hastdunichtgesehen… 40 Minuten! Und von Augsburg nach München – hui! Und schließlich zurück nach Nürnberg über die tolle neue Strecke nach Berlin. 

Eine Leistungsschau deutscher Betonbaukunst.

Natürlich wollte ich das nicht. Ich wollte gemütlich und relaxed über Frankfurt und Würzburg fahren. Der Fahrplan sah anderes für mich vor – und seien wir ehrlich: Wer nach Bayern fährt, muss einfach München gesehen haben. Vor allem, wenn man eigentlich nach Franken will. Das schmerzt die bajuwarische Seele sonst. Wenigstens den Hauptbahnhof der Residenzstadt muss man betreten haben – die Bayern sind ja weltläufig!

Was ich nicht so richtig verstehe: Warum läuft bei der Bahn gerade soooo wahnsinnig viel schief? Der Umweg war nötig geworden, weil ich in Stuttgart um wenige Sekunden nur meinen Anschlusszug verpasst hatte. Verpasst, weil der Zug nach Stuttgart über 10 Minuten Verspätung hatte, und diese hatte er schon aus Mannheim mitgebracht. In Mannheim  war ich gelandet, weil mein Eurocity nach Frankfurt schon in Heidelberg mit 50 Minuten im Rückstand war. Und jener Eurocity war der Zug meiner Wahl, weil am Tag darauf – dem Streikmontag – überhaupt kein Zug fahren sollte. Ich ging also rund 16 Stunden zu früh los, um trotzdem überall zu spät zu sein. Das passiert einem weltweit wohl nur mit der Deutschen Bahn. „Wir wollen, dass Sie entspannt ankommen“.

Ehrlich. Eine Woche später wieder, diesmal Hanau – Nürnberg. Die Bahn-App sagte schon Stunden vor Abfahrt: Geduld, wir haben mindestens 30 Minuten Verspätung. Immer wieder gecheckt, immer wieder blieb die Verspätung pünktlich. Am Hanauer Hbf angekommen nochmal die App gecheckt: 30 Minuten später. Auf der gut informierten Anzeigetafel im  Bahnhof plötzlich ein neuer Stand: Der Zug soll angeblich nur noch 10 Minuten zu spät sein – wer jetzt verspätet war, war ich! Also: Zum Gleis gerannt als sei der Bahnchef persönlich hinter mir her. Die App sagt weiterhin: 30 Minuten, nein: plötzlich sagt sie: 10.

Renne, Harry, renne! Ich bin außer Puste am Gleis, aber offensichtlich war der Zug noch nicht da… Man kann sich auf die Pünktlichkeit von Verspätungen einfach nicht verlassen. Fünf unsichere Minuten lang passiert bahntypisch nichts. Bis eine freundliche Lautsprecherstimme endlich befreiend scheppert: „Der IC nach Passau über Nürnberg kommt 30 Minuten später am Gleis 103 an.“ Unternehmen Zukunft eben.

Boah, ey. Dass es auch anders gehen kann, beweisen mindestens die Schweizer und die Österreichische Bahn jeden Tag. Zurück von Nürnberg nach Frankfurt nehme ich beispielsweise einen ICE, der aus dem weit entfernten Wien kommt. 500 Kilometer sind’s bis Nürnberg, also genügend Zeit und Raum für ordentliche mitteleuropäische Verspätungen – und diese Wiener ICEs fahren in ihrer provokanten Heurigengemütlichkeit fünf Minuten zu früh (!) in den Bahnhof ein – jedes Mal! Es klappt also, wenn man will und seine Infrastruktur im Griff hat.

Vor wenigen Wochen hätte ich beinahe bei der Bahn angeheuert. (Brüller!) Aber ich will ja nicht permanent zu spät zur Arbeit kommen.

Silberrücken / KW51

Manch mieser Artikel würde so beginnen: Ich bin dann mal weg.

Seit Hape Kerkeling nutzen Menschen diesen Satz, um einen Reiseartikel zu beginnen. Vielfach sind das Menschen, die auch Ratzefummel zu Radiergummi sagen. Oder „Drei Packen weniger zwei Packen gleich…“, Sie wissen schon.

Ich bin jedenfalls auf Norderney. Eine in der Nordsee gelegene Nordseeinsel. Hier urlauben die Schönen und Reichen. Im Sommer. Kurz vor Weihnachten sind hier nur Alte und (ganz) junge. Oftmals in Kombination – Großeltern mit ihren Enkeln. Und ich. Mit meinem Sohn und seinem Opa, meinem Vater.

Warum?

Meine Mutter hat sich kurzfristig eine Bronchitis zugelegt und konnte nicht mitfahren. Daher bin ich 20 Stunden vor Reiseantritt als Lückenbüßer eingespungen. Völlig selbstlos, es gibt schlimmeres als eine Woche ungeplanten Urlaub.

So sitze ich im Reisebus und komme meinen pädagogischen Pflichten nach: meinen Sohn lehren und erziehen. Zu diesem Zwecke sitzen wir ganz hinten und ich bringe ihm auf diese Weise bei, dass die coolen Jungs im Bus immer hinten sitzen, immer!

Ich verschweige derweil, dass ich als Jugendlicher sehr selten dorthin eingeladen wurde.

Ich lasse also den Blick über die Herde der Mitreisenden schweifen und sehe… ausschließlich Silberrücken. In Würde versilberte Hinterhäupter, manche gedauerwellt, andere gänzlich unfrisiert.

Mann, denke ich. So viel geballtes Alter birgt wahrscheinlich eine Menge Weisheit. Neben der ganzen Weißheit.

Am Abend sitzen wir in der Gruppenunterkunft zu Tisch. Drei der Silberrückinnen nähern sich uns, gänzlich unscheu und reklamieren den Tisch für sich. Dort hätten sie sonst immer gesessen.

Die drei Palmert-Männer schalten auf Stur, die Damen trollen sich.

„Ui, was ein Einstand. Mal sehen wir wir uns ab jetzt begegnen“, denke ich mir. Und muss feststellen, dass ich, schon Stunden später, nicht mehr weiß welche drei Damen aus der Herde der Silbrigen es waren. Das Alter macht uns alle gleich.

Wir verbringen herrliche Tage, lernen uns besser kennen. Ich nehme an Singabenden teil, die mir mehr Freude bereiten als manches was ich in meinem altersgerechten Alltagsleben sonst erlebe.

Selbstoffenbarung: Einmal schmettere ich einen Abend lang, gemeinsam mit 50 Ü70-Menschen, alles was das Schlagerherz begehrt. Von „Theo, wir fahrn nach Lodz“, über den „Schnee-Schnee-Schneewalzer“ bis hin zu „Junge, lass das Träumen“.

Ich amüsiere mich liebevoll über die sich anbahnende Schwerhörigkeit fast aller Mitreisenden und genieße die Ruhe, Gelassenheit und Zuversicht, die das Alter in Form von Rheuma und Arthrose mit sich bringt.

Alte Menschen sind weise und gelassen. Blödsinn!

Sie lästern genauso übereinander wie Teenies im Landschulheim und lassen sich in Idioten und nicht-Idioten kategorisieren – wie jede andere Altersklasse auch.

Aber: sie sind bei sich, sie stören sich wenig an dem was andere über sie denken, pflegen einen wohl erzogenen Umgang miteinander und biedern sich nicht an.

In manchen Momenten beneide ich die Herde der Silberrücken, die mir mit der zuvorkommenden Wärme und Überheblichkeit einer lieben Oma begegnen. Ich gehöre nicht dazu. Noch nicht. Aber hoffentlich irgendwann.

P.S. Herzlichen Dank an das wundervolle Team des https://www.haus-am-weststrand.de/. Danke für die wunderbare Umsorgtheit, die mir so seit dem Kindergarten nicht mehr zu teil wurde. Danke an den Koch, neben dem selbst ich (knapp zwei Meter lang) mir vorkomme wie ein Vorschüler. Stellen Sie sich einfach den größten Wikinger vor, den Sie sich vorstellen können – fertig. Danke an die FSJ’lerin, die uns alle mit ihrer offenen, herzlichen und freundlichen Art bezaubert hat. Mancher ist schon mit 19 mehr Gastgeber als andere es jemals werden können. Danke an den Direktor des Hauses, der im Hintergrund die Fäden zusammenhält. Danke für die wunderbare Reiseleitung, die es problemlos geschafft hat allen kleinen und großen Forderungen gerecht zu werden, ohne dabei jemals das Zepter aus der Hand zu geben. Danke für die Musik… von der es sehr viel gab.

Also, wenn Sie eine tolle Zeit verbringen möchten, die es Ihnen ermöglicht einfach mal abzuschalten. Hier sind Sie richtig!

Ich bin der Geilste der hier rumläuft. Alle. Immer. / KW50

Neulich. Am Sonntag. Ein Kindercafé in einer Ruhrpottstadt. Nicht einladend. Eher mit dem Charme eines alten Aldi-Marktes behaftet. Dafür vollgepropft mit Kinderspielsachen und dem Versprechen an die Eltern mal in Ruhe frühstücken zu können.

Knapp 80 Minuten später verlassen wir den Laden wieder. Hungrig und mit weinenden Kindern.

Das Team des vermeintlichen Paradieses hatte es nicht geschafft uns binnen einer guten Stunde mit Lebensmitteln und Getränken zu versorgen. Genauer: wir erhielten gar nichts.

Der fußläufig erreichbare Weihnachtsmarkt rettete uns vor dem unvermeidlichen Tod durch nöhlende Kinder.

Meiner Pflicht als fast-Digital-Nativ nachkommend schrieb ich selbstverständlich postwendend vernichtende Kritiken in allen sozialen Netzwerken.

Das … liegt recht zentral nah der Hattinger Fußgängerzone. Das grundlegende Konzept ist vielversprechend: ein kinderfreundliches Café, mit vielen Spielsachen, wenig Gefahrenquellen und enorm Zeit für die Eltern Kaffee zu trinken.

Soweit die Theorie, die uns dazu verleitet einen Tisch zu reservieren.

In der Praxis erwartet den Gast ein großer Raum mit der Anmutung eines lieblos eingerichteten Kindergartens. Die Spielgeräte sind in Ordnung, befriedigen aber höchstens U3-Kinder. Für ältere gibt es keine Angebote. Die Deckenbeleuchtung besteht aus Neonröhren und verleiht dem Raum den Charme eines leerstehenden Lebensmittelmarktes.

Die offene Zubereitungsküche liegt im Raum und ist in etwa so ausgestattet wie eine durchschnittliche WG-Küche. Zusammengewürfelt und weit weg von Gastronomie.

Alles nicht schlimm.

Wir nehmen Platz und es dauert mehr als 15 Minuten bis unsere Bestellung aufgenommen wird. Der Laden ist gut besucht, aber recht klein. Die zwei anwesenden Servicekräfte könnten das Ganze also gut bewältigen.

Dann beginnt das Chaos.

Obwohl der Laden schon seit mindestens 30 Minuten geöffnet hat verschwindet eine unserer Gastgeberinnen um Brötchen zu kaufen. Das Ganze findet einige Zeit später noch einmal statt.

Nach 60 Minuten haben wir noch kein einziges Getränk erhalten, obwohl seit unserer Ankunft keine neuen Gäste mehr dazu gekommen sind.

Der Service ist völlig unorganisiert, chaotisch, überlastet. Daraus resultiert eine aufkeimende Unfreundlichkeit.

Nach mehr als einer Stunde bekommen wir, auf Drängen, unsere Getränke. Die Kinder sind mittlerweile hungrig und nölig… alles was man mit dem Besuch in einem Kindercafé vermeiden möchte.

Nach mehr als 70 Minuten verlasse wir das Café, ohne etwas gegessen zu haben und suchen uns ein anderes Café. Kurz vorher hatten wir erfahren, dass die Speisen noch mindestens 15 Minuten brauchen würden.

Alles in allem: eine Katastrophe! Jeder macht mal Fehler und es ist völlig in Ordnung wenn etwas schief läuft. Der Laden vermittelt uns aber einen solch maximal unprofessionellen Eindruck, dass hier wohl eher System (bzw. kein System) als Versehen dahintersteht.

Wir kommen nie wieder!

Die Cafébetreiberin antwortete und rechtfertigte sich in langen Worten, betonte ihre nicht-Angepisstheit zahlreiche Male und erschien dabei doch nur… angepisst.

Was hilft Ihnen nun dieser Erguss über meine missglückten Restaurantbesuche?

Weiß ich nicht, sagen Sie es mir. Wofür gibt es denn sonst die Möglichkeit in diesem Internet alles zu kommentieren!

Ich erschaudere dabei zu bemerken, dass wir uns fast alle, immer und zu jeder Zeit rechtfertigen. Fehler machen die anderen. Und wenn wir welche machen, dann machen wir die, weil die anderen uns quasi dazu gezwungen haben – durch ihre Fehler. Ja, Ihre!

Warum chillen wir nicht mal die Base und geben zu, dass wir nicht perfekt sind? Warum verwechseln wir Kritik mit persönlichem Angriff? Warum sind wir so selten fair zu uns selber und warum gucken wir nicht mal objektiv auf uns?

A) Weil es schwer ist. Andere zu beleuchten und auf ihre Unzulänglichkeiten hinzuweisen ist viel einfacher, als vor der eigenen Tür zu kehren.

B) … ja, dies scheint ein Lebenshilfetext zu werden!

C) Weil wir die Inhalte von Emo-Sharepics zwar alle geil finden, liken und teilen, aber nicht bereit sind den eigenen Hintern hochzukriegen und Dinge anzupacken.

D) Weil Scheitern und Fehlermachen nur dann erlaubt sind, wenn sie einer großen Sache dienen und bei Fuck-up Nights zur Anekdote dienen. Niemand will scheitern. Scheiter-Geschichten von jetzt mega erfolgreichen Super-Start-up-Gründern will jeder hören. Aber sind die dann eigentlich gescheitert?

Gibt es eigentlich schon Menschen, die nur durch ihre Auftritte bei Fuck-up Veranstaltung reich geworden sind?

E) Weil wir alle in der eigenen Blase blubbern.

Jeder hat heute seine ganz persönliche Entourage, früher nur großmäuligen Bühnenstars vorenthalten. Oft ist die nur digital, setzt sich aber aus einem schlagkräftigen Trüppchen Widerspruch-verweigender Befürworter zusammen.

Diese Gruppe verteidigt auch die dämlichste Idee kraftvoll, das schlechteste Lokal vehement und das staubigste Nagelstübchen mit der Brechstange. Immerhin gibt die Cheyenne sich so viel Mühe und hat im Leben schon so viel durchgemacht… wie kann man es da wagen ihr missratenes Einzelhandelskonzept/ihr Maniküre-Lädchen oder eben ihr Kindercafé zu kritisieren.

Wir finden heute immer Befürworter. Für jeden Müll und können Selbstkritik daher abschalten.

Löse ich hier gerade etwas das Phänomen der Dynamik, das die AfD groß gemacht hat? Nein! Oder? Wo ist meine Blase… los, stimmt mir zu!

F) Weil wir im Zeitalter der Gleichmacherei leben. Alle sind gleich. Schwarz, weiß, arm, reich, dick, dünn, doof, klug, schnell, langsam. Unterschiede werden negiert und versucht wegzufördern. Keiner darf mehr einen Fehler, Makel oder eine Behinderung haben. Und falls doch ist er/sie/es ein Fall für Charity.

Wer in diesem Gusto aufwächst, der/die/das kennt Kritik nur als Aufforderung zur großen Emotion, nicht dazu sich selber zu hinterfragen.

G) Weil wir verlernt haben zu leiden, uns zu quälen. Weil schon eine durchgelernte Nacht im Studium mindestens drei Purple Hearts verdient hätte. Zumindest gefühlt. Und nach Aussage von Mama.

Es ist gut, dass wir alle im Wohlstand leben. Und so soll es auch bleiben, inschallah. Aber nicht zum Preis, dass unser Wohlstandsdenken unseren Wohlstand gefährdet. Nein.

H) Ende

P.S. Für alle die wissen möchten wie mein Dialog mit dem Kindercafé weiter ging. Ich enthalte es Euch nicht vor!

Die so:

Hallo…wir danken für die Ausführliche Kritik. Es tut uns leid , dass es heute morgen bei Ihrem Besuch so abgelaufen ist. Leider müssen wir dazu sagen das heute unsere 3 Kraft erkrankt ist und wie Sie selbst miterlebt haben war das Cafe nicht nur gut besucht , sondern 28 von 30 Plätzen waren belegt. Es tut uns natürlich leid und dies haben wir mehrmals persönlich ausgesprochen, nur sind wir keine Servicekräfte gewesen , die nur rum saßen. Wir müssen eingestehen und das ist mehr als menschlich das der heutige Andrang selbst für uns die das Gewusel hier mittlerweile gewohnt sind leicht überfordernd war.

Das wir Brötchen holen waren ist richtig , es waren leider nicht nur Reservierungen. Das Frühstücks Interesse war heute morgen so gross , das unsere Brötchen nicht ausgereicht haben. Die Bäckerei ist ja zum Glück auch nur 2 min vom Cafe entfernt 😉 Wir haben Tisch für Tisch abgearbeitet von daher können wir nicht sagen , das wir unorganisiert oder chaotisch waren. Leider sind uns auch Sachen passiert wie zb. ein Glas herunter gefallen und zerbrochen das wir natürlich dann auch noch beseitigen mussten.

Das Ihnen das Wuselcafe als lieblos eingerichteter Kindergarten vorkommt , ist Ihre persönliche Meinung und nehmen wir so ohne weiteres an. Wir haben seid der Wiedereröffnung versucht und tun dies immer noch das Wuselcafe zu einem angenehmen Treffpunkt aller Eltern und Kinder zu machen, nur leider können wir es nicht jedem Recht machen 😉

Spielgeräte für die älteren Kinder müssen wir zugeben das in dem Bereich die Auswahl rar ist. Wir werden versuchen dies zu ändern.

Wir danken für diese Anregung / Erweiterungsvorschlag, nur so können wir etwas ändern!

Dies soll natürlich keine Rechtfertigung sein mehr eine Erklärung und Entschuldigung für den schlechten Eindruck der bei Ihnen entstanden ist.

Wir hoffen natürlich das sie dem Wuselcafe samt Mitarbeiter noch eine Chance geben doch dies ist natürlich Ihnen überlassen.

Mit freundlichen Grüßen

Das Wuselcafe

Ich so:

Liebe …,

danke für Ihre rasche, ausführliche und ehrliche Antwort.

Es geht mir nicht darum Argumente und Gegenargumente auszutauschen. Es geht nicht ums Rechthaben und ich kann all Ihre Punkte nachvollziehen und verstehen.

Von einer Gastronomie mit 1000 Plätzen erwarte ich, dass das Personal und die Abläufe so getacktet sind, dass 1000 Gäste gleichzeitig bewirtet werden können. Von einer Gastronomie mit 200 Plätzen erwarte ich, dass das Personal und die Abläufe so getacktet sind, dass 200 Gäste gleichzeitig bewirtet werden können.

Von Ihrer Gastronomie mit 30 Plätzen erwarte ich, dass die Abläufe so getacktet sind, dass 30 Menschen in annehmbaren Zeit Getränke und Essen bekommen. Gerade, weil Ihr Café auf Eltern und Kinder spezialisiert ist.

Ich habe heute bei Ihnen keinerlei Abläufe beobachten können, die dies auch nur annähernd gewährleistet hätten.

Im Zweifelsfalle hätte ich mir eine „Moderation“ gewünscht, die uns darauf aufmerksam macht, dass es, aus welchen Gründen auch immer, länger dauert. Stattdessen gab es erst einen Dialog nachdem wir, schon ziemlich genervt, auf Sie zukamen.

Wie dem auch sei, ich hoffe Ihnen hilft mein Feedback Ihre Abläufe zu verbessern um Ihr Unternehmen weiter erfolgreich führen zu können.

Alles Gute

Christoph Palmert

Zorn / KW50

Samstag hab ich überlegt, was ich für dieses fröhliche Challenge-Blog schreiben könnte. Im Parkhaus eines Supermarkts war das, Adventssamstag, alle sind sichtlich entspannt und gönnen dem Vordermann selbstverständlich den letzten freien Parkplatz, klar.

Vor mir versuchte jemand mit seinem BMW um die etwas enge Kurve zu fahren, die war dann doch zu eng, also Rückwärtsgang rein und mir fast vor die Motorhaube gefahren. In Gedanken woanders und von dieser vorweihnachtlichen Entspanntheit, die man als Junge vom Land halt hat, denke ich: Naaaa, da fahre ich doch mal langsam einen Meter oder zwei zurück. Weit genug jedenfalls für den BMW-Fahrer mit seinem etwas zu pummeligen Auto, dass einfach nicht um die Kurv….- da reisst der Beifahrer die Tür auf, ein Glatzkopf, Typ Schiffschaukelbremser, und schaut mich mit einem jähzornigen, aggressiven, Ich-hau-Dir-sofort-auf-die-Fresse-Blick an, als hätte ich gerade seine Kinder entführt. Fuchtelt mit den Armen, warum ich den unschuldigen bayerischen Kleinwagen blockiere, und wenn ich nicht sofort… Da fällt der glatzköpfige Grobian zu meinem Glück zurück in seinen Recaro-Sessel. Sein Fahrer hatte wohl gerade das Gaspedal gefunden zwischen all den vielen Weihnachtseinkäufen. Etwas rumpelig fährt er seinen fetten SUV und seinen specknackigen Zuhälter doch noch um die Kurve.

Und ich sitze da und bin angefasst. Verstört ob der Situation. Eingeschüchtert vom Doppelte-Monatsration-Testosteron-auf-einmal-Versuchs-Monstrum (das Uniklinikum hat ja immer was zu testen) und seiner völlig übertrieben aggressiven Aktion. Verstört von der subjektiven Wahrnehmung, dass der ungebremste Jähzorn und der rücksichtlose Egotrip wohl immer akzeptierter wird unter den Menschen. Und dass mich das aufregt. Und ich aufbrausende Glatzköpfe eh für eine Sackgasse der Evolution halte (obwohl die sich leider überdurchschnittlich häufig vermehren. Man fragt sich, mit welchen Frauen)…

Also wollte ich über den Jähzorn schreiben und warum solche Menschen viel zu oft mit ihrer Einschüchterungstaktik gewinnen und dass das doch nicht gehe und wir uns doch alle lieb haben sollten und so. Und dass ich selber doch nie zornig würde und wenn doch, dann hätte ich freilich auch allen Grund dazu, und überhaupt: Die Welt ist schlecht.

Ich denke über dieses Posting nach, während ich nach Hause fahre, und bestärke mich selbst von Ampel zu Ampel, dass ich doch wohl ein ganz ausgeglichenes Kerlchen sei, harmlos und friedlich, was mein üppiger Haarwuchs ja sichtbar beweise. Komme zu Hause an und finde einen Parkplatz wie immer in fußläufiger Entfernung vom Haus – Santiago de Compostela ist ja auch gut zu Fuß erreichbar. Lade gemütlich den Kofferraum aus, trage die Tüten zur Haustür, öffne noch schnell den Briefkasten – und mein Blut wallt sich sofort, muss sich wallen, denn wieder einmal hat einer dieser unterbezahlten und kurzsichtigen Briefträger (ich verzichte heute konsequent aufs Gendern, Verzeihung) einen meiner Briefe bei meiner Nachbarin eingeworfen. Diese ist leider stark sehbehindert und öffnet jeden Brief in der freudigen Gewissheit, eine üppige Gehaltsabrechnung erhalten zu haben für einen Job, für den sie als Rentnerin nicht mal hingehen musste. Nette Menschen müssen das sein, die ihr einfach so Geld überweisen wollen. Zorn steigt auf.

Meine Nachbarin kennt meine komplette finanzielle Situation. Sie weiß, was meine Krankenkasse für den letzten Eckzahn bezahlt hat und welche Aktienfonds in der letzten Zeit ärgerlicherweise gehörig an Wert verloren haben. Da sie Briefe leider mit der Lupe lesen muss, weiß sie sogar mehr über das Kleingedruckte meiner Verträge als ich. Sie kann selbstverständlich nichts dafür – die Briefträger der Deutschen Post sind zu unterbezahlt, zu gestresst, zu überlastet und einfach zu blöd (auch das soll es ja laut Gaußscher Normalverteilung hie und da geben), die korrekt an mich adressierten Briefe in den korrekt mit meinem Namen versehenen Briefschlitz zu stecken. Ich habe ein großes Schild an meinem Briefkasten angebracht, das man noch von meinem sehr fußläufig entfernten Parkplatz wunderbar lesen kann: 

Post für Harald Ille bitte nur in diesen Briefkasten stecken

Ich zitiere hier mein eigenes Briefkastenschild in der Hoffnung, es erreicht die Richtigen.

Es hilft nichts. Werbung landet korrekt bei mir, hochgeheime und zutiefst persönliche Informationen bei meiner Nachbarin. Teile meiner Korrespondenz werden aufgrund des strengen Postgeheimnisses von anderen geöffnet und gelesen – auch wenn es sich, besonders bei Kontoauszügen, manchmal auch um ausgesprochene Trauerbriefe handelt.

Ich habe mich bei meiner Postfiliale über die Verletzung meines Briefgeheimnisses beschwert. Beziehungsweise beschweren wollen. „Ja“, haben die freundlichen Postbeamtinnen gesagt, „da müssen sie eine Telefonnummer in Bonn anrufen. Die finden sie im Internet!“

In Bonn anrufen. Bin ich Kissinger, oder was? Nein, ich habe erstmal an das Gute im heimischen Kurpfälzer Briefträger geglaubt und an seine partielle Lernfähigkeit. Dass er das Schild lesen und verstehen werde und bei ihm dann der Groschen falle – auch wenn es länger dauert. Dass er sich seiner umfangreichen Briefträger-Ausbildung erinnert und an Lektion 4.2: Adresse lesen. Dabei rekapitulieren, was der Briefträgerausbildungsleiter immer wieder gebetsmühlenartig wiederholen musste: Den Namen auf dem Brief mit dem Namen auf dem Briefkasten genau abgleichen. Bei hinreichend starker Ähnlichkeit beider Buchstabenfolgen sich an vorangegangene Zustellversuche erinnern: Hat sich der korpulente blonde Herr, der wie wirr auf den Zusteller einredete, er sei der Empfänger seiner Briefe, damals ausweisen können? Glichen sich auch damals die Buchstabenfolgen auf dem amtlichen Ausweisdokument und dem Briefkasten erstaunlicherweise wie ein Ei dem anderen? Könnte es sei, dass in der Urban Legend von der korrekten Briefzustellung tatsächlich ein Fünkchen Wahrheit stecken könnte? Dass es Regionen gäbe, wo tatsächlich Briefe als erstes von den eigentlichen Empfängern gelesen werden können?  

Ich bin jetzt erstmal beruflich umgezogen. 250 Kilometer weiter in ein anderes Bundesland. Wo mich niemand kennt und ich Vorsatz also ausschließen kann. Ich lass mir die Post jetzt dahin schicken, ätsch! 

Schön sieht der neue Briefkasten aus. Unberührt.

Übernächsten Monat lasse ich mir vom Vermieter die passenden Briefkastenschlüssel geben.

Leichen drängeln zur Eile

Jetzt bin ich also dran mit einem Text. Vorzeitig und hastig. Wir haben ja diese Challenge, Christoph und ich: Ein Jahr lang jede Woche ein Posting, eines er, eines ich. Spontan ausgemacht. So, wie man spontan sagt: Ja, lass uns mal gemeinsam nach Grönland fliegen, Wale retten. Oder am Wochenende mal ganz relaxed den Eurojackpot knacken, einfach so, weil das doch eine sehr gute Idee wäre und irgendjemand müsse es ja machen. Und damit wir beide diese champagnerlastige Schnapsidee auch ganz gewiss wieder vergessen haben werden, sollte die Challenge erst am 1. Januar ganz chilly losgehen. Okay, versprach ich Christoph hoch und heilig und mit den obligatorisch gekreuzten Fingern hinterm Rücken: Klar, da simmer dobei, dat is prima! 🙂

Ich hatte mich also nicht weiter mit dieser doch etwas abstrusen Vorstellung beschäftigt, der Welt 104 Ergüsse von uns aufzudrängen. Wer will das schon lesen? Wer braucht sowas? Und vor allem: Was hab ich davon außer großem Stress, der meine bisher perfekte und ausgeglichene Beziehung stark gefährden wird, ich dadurch immer nachhaltiger dem selbstgebrannten Birnenschnaps meines Vaters zusprechen werde in der Hoffnung, wenigstens hier etwas Gehaltvolles zu entdecken, und einem Provider, der uns mangels messbaren Traffics dieses Blog schleunigst wieder zumacht: Ressourcenschonung, wie er sagt und worin ich ihn natürlich nur unterstützen kann.

Aber Christoph ist halt anders. Verlässlicher. Für ein einmal gegebenes Wort tatsächlich einstehend. So… unverbesserlich rechtschaffen.   

Und zu allem dieser vielen Überflüsse musste er vor Kurzem frühmorgens und völlig unvorbereitet wahren Leichen beim Müsliessen im Hotelfrühstücksraum zusehen. Klar, das war kein appetitlicher Anblick zwischen Erdbeermarmeladen-Croissant und Chai-Morgen-Latte, die den armen Menschen da morgens zugemutet wurde. Zum Gruseln. Grüne Schlappen zum Frühstück!

Also schüttelte er präcox diese Woche schon einen bemerkenswerten Text aus dem Trainingsjackenärmel. Nur, um mich ebenfalls leichenblass zu sehen: Die Challenge startet jetzt schon? Noch vor dem ersten Schneefall? Ich hab doch noch gar nicht, ich weiß doch noch nicht, ich bin doch noch so jung…! Wozu denn auf einmal die Eile – lass uns wenigstens auf WordPress 5.0 warten. Oder auf einen männlichen CDU-Chef. Oder darauf, dass die SPD wieder bei 30 % liegt. Es gibt doch wichtigere und dringendere Dinge, seien wir doch ehrlich…

Aber nun ist die Challenge angepfiffen. Nun gibt es kein Zurück. Nun läuft der Zeitstrahl unerbittlich Richtung Morgen. Das Dilemma der Thermodynamik: Ist sie erst mal mit im Spiel, läuft alles nur noch in eine Richtung. Richtung Ende. Und das ist eigentlich ein ganz versöhnlicher Gedanke, ganz Kanzlerinnen-like: Man muss die Challenge von ihrem Ende her denken. Und weil das visionär und zukunftslüstern und lösungsorientiert und einfach sooo 2020 ist, freu ich mich jetzt einfach mal drauf. Wird schon schiefgehen.

 Schönen 2. Advent! 

Leichen – Ich sehe tote Menschen/KW49

Ein beliebiges Vier-Sterne-Business-Hotel in einer deutschen Möchtegerngroßstadt. 7 Uhr morgens. Der nette Speisesaal füllt sich rasant mit hungrigen Menschen. Manche solo, manche zu zweit, manche in Gruppen. Alle alleine.

Von Entspannung keine Spur. Warum? Hier ist Business angesagt und das muss man zeigen. Es ist quasi verboten sich wohl zu fühlen. Immerhin zahlt die Firma. Und die zahlt nicht für Spaß.

So füllt sich der Saal mit Menschen in hübschen Businessoutfits. Klamotten, die noch keinen Zweck erfüllen, aber bereits am Körper ihrer Träger saugen und nagen und sagen: Benimm Dich, hier ist die Bühne auf der Du bestehen musst.

Nun sitzen sie. Die Fresser, die Aufstapler, die Obstesser, die Müslimanufakteure, die Leberwurstliebhaber und die „ich hab keinen Hunger“-Haber. Ich persönlich zähle mich zu den nicht-Frühstückern und verstaue meine Brötchen in den eigens dafür angeschafften Brottüten.

Es gibt Gespräche, Menschen tauschen sich aus. Nichts davon übersteigt die emotionale Wucht einer Nachmittags-Telenovela. Emotionen auf Sparflamme. Die Businessklamotte unterdrückt alles menschliche.

Ich sehe Leichen. Nicht im herkömmlichen Sinne. Vielmehr Menschen die sich selber zugestehen nicht zu existieren. Zumindest für den Zeitraum in dem sie „Business machen“. Menschen die Menschlichkeit außen vor lassen. Früher entstand Uniformität durch Uniformen. Heute auch. Man gesteht es sich nur nicht mehr ein.

Ich verlasse den Raum. Für einen Moment bin ich der Mittelpunkt des Geschehens. So in meinem Jogginganzug und den Crocs in froschfotzengrün. Ich gehe auf mein Zimmer und ziehe die Uniform an.